Weingarten, Paul (1886–1948), Pianist und Musikpädagoge

Weingarten Paul, Pianist und Musikpädagoge. Geb. Brünn, Mähren (Brno, CZ), 20. 4. 1886; gest. Wien, 11. 4. 1948 (ehrenhalber gewidmetes Grab: Wr. Zentralfriedhof); ab 1904 evang. AB, ab 1936 röm.-kath. Sohn von Dr. Karl W. (gest. Wien, 12. 11. 1916), HR am Verwaltungsgerichtshof, und Wilhelmine W., geb. Saxl (gest. Wien, 2. 2. 1938), Bruder der Malerin Elly (Elisabeth) W. (geb. Brünn, 20. 11. 1884; Deportation nach Riga am 11. 1. 1942); ab 1936 verheiratet mit Anna Maria Josefa Elisabeth Batthyány-Strattmann (geb. Kittsee, Ungarn/Bgld., 22. 3. 1909; gest. Wien, 21. 9. 1992), der Tochter von →Ladislaus Fürst Batthyány-Strattmann. – W. bekam seinen ersten Klavierunterricht ab dem achten Lebensjahr von →Marie Katholicky und Theorieunterricht von →Otto Kitzler. Mit erst 15 Jahren debüt. er als Solist. Nach der Matura in Brünn stud. er am KdM in Wien Klavier bei →Emil Sauer v. Aichried und Kontrapunkt bei →Robert Fuchs. Nach nur zwei Jahren schloss er mit dem Diplom ab und erhielt 1906 den von Sauer errichteten Nikolaus Rubinstein-Preis. Darüber hinaus stud. er an der Univ. Wien Musikgeschichte bei →Guido Adler und prom. 1910. Von April bis September 1915 diente er im IR „Hoch- und Deutschmeister“ Nr. 4 und machte als Pianist 1917 eine Front-Konzertreise. Nach dem Krieg entwickelte W. eine überaus rege Konzerttätigkeit in Wien, Tourneen führten ihn fast jährl. in die Niederlande und viele Male nach Dtld., Italien, Frankreich und auf den Balkan. 1927 konzertierte er auf Sumatra und Java, 1929 gab er in London sein Debüt. W. war berühmt für seine Schubert-Interpretationen, engag. sich in seinen Programmen aber auch für die zeitgenöss. Klaviermusik: 1920 spielte er die österr. Erstauff. der „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski in Wien, 1932 die Urauff. der C-Dur Klaviersonate von Erich Wolfgang Korngold. Ein bes. Anliegen waren ihm die Klavierwerke seines Freundes Joseph Marx. W. war ein gefeierter Virtuose wie auch Kammermusiker: Er konzertierte u. a. mit dem Fitzner- sowie dem Rosé-Quartett, sehr oft spielte er mit Friedrich Wührer vierhändig am Klavier. Darüber hinaus war er ein gefragter Pädagoge: 1921 als Lehrer für die Klavier-Ausbildungskl. an die staatl. Akad. für Musik und darstellende Kunst in Wien berufen, war er dort ab 1924 Doz. für Klavier und ab 1928 ao. Prof. 1931 wurde er mit der Leitung einer Spezialkl. Klavier für Moderne Klavierliteratur betraut. An ihrer statt bekam er 1933 eine Meisterklasse für Klavier überantwortet. Zu seinen Schülern gehörten u. a. Jenö Takács, Victor Urbantschitsch (Urbancic), André Singer und Hans Weber. In den Sommermonaten 1929–33 gab er Meisterkurse am Austro-American-Conservatory (Hochschulkurse für Musik und Bühnenkunst in Mondsee unter der Leitung von →Wilhelm Kienzl). In Salzburg trat er bei den Festspielen 1931 als Solist unter dem Dirigenten Bruno Walter auf. W. war häufig Jurymitgl. bei internationalen Klavierwettbewerben, wie 1932 beim II. Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau. Zudem hielt er Vorträge im Radio (1935 „Lernt Klavier!“, „Lernt Musik!“). Im März 1936 wurde er von der Akad. beurlaubt, um für ein Jahr an der k. Musikhochschule in Tokio zu unterrichten. Dieser Urlaub wurde bis Ende März 1938 verlängert. In dieser Zeit konzertierte er auch oft in Tokio sowie in China. Nach dem „Anschluss“ Österr. wurde W. von der Staatsakad. aufgrund seiner jüd. Abstammung zunächst beurlaubt und 1939 ohne Bezüge i. d. R. versetzt. 1940 wurde sein Dienstverhältnis schließl. beendet, da er von seinem Auslandsaufenthalt nicht zurückgekehrt und ausgewandert war. W. war nach Italien geflohen und ging später nach England. 1939 nahm er an einem Konzert anlässl. des 130. Todestags von Joseph Haydn im Royal College of Music teil, bei dem er auch mit →Arnold Rosé und Friedrich Buxbaum musizierte. Ab dem Sommer 1939 wohnte er mit seiner Familie bei seiner Schwiegermutter Maria Theresia, geb. Gfn. v. Coreth in Budapest, wo er auch einige Schüler hatte. Nach Kriegsende kehrte er nach Wien zurück und gab dort bereits im Oktober 1945 sein erstes Konzert. Er wirkte erneut als Lehrer und Leiter der Abt. Tasteninstrumente an der Wr. Musikakad., die ihn rehabilitierte und mit November 1946 wieder in den Dienststand aufnahm. Im selben Jahr erhielt W. den HR-Titel. 1946 und 1947 gab er Sommerkurse am Mozarteum in Salzburg und konzertierte bei den Salzburger Festspielen als Solist wie auch als Kammermusiker. Er wurde mit der Schubert-Medaille des Schubertbunds (1926) ausgez.

W.: Die Sonatenproduktion der Wr. Zeitgenossen von Haydn und Mozart von 1775–1825, phil. Diss. Wien, 1910; Mei zwei Stern, in: Lieder eines Verwundeten. Vertonungen von Ged. von H. Kipper, 1916; Hardtmuth Nr. 3, in: Die Bühne 2, 1925, Nr. 58 (m. B.); Bei R. Schumanns Tochter, in: NFP, 26. 10. 1930; Die Werkstatt des schönen Klanges. Die Erbauer des Bösendorfer Flügels, in: Die Wr. Bühne, 1946, H. 1; Revisionen der Beethoven Klaviersonaten Op. 13, Op. 14 / Nr. 1, Op. 27 / Nr. 2, Op. 129, 1946.
L.: Neues Wr. Journal, 18. 3. 1936 (m. B.); Sbg. Nachrichten, 5. 9. 1946; Müller; oeml; Riemann; Sport & Salon 12, 1909, Nr. 23, S. 11f. (m. B.); H. Sittner, in: Österr. Musikz. 3, 1948, S. 119ff.; I. Suchy, Dt.sprachige Musiker in Japan vor 1945, phil. Diss. Wien, 1992, S. 244; I. Suchy, in: Die Republik Österr. und Japan … 1918–38 (1945), ed. I. Getreuer-Kargl – S. Linhart, 2013, S. 110; A. Maderecker – Th. Weismann, in: Mitt. des Heimatbundes Mondseeland, Nr. 206, 2016, S. 4ff.; R. Müller, in: Die Arbeitslosen von Marienthal (online, Zugriff 4. 6. 2018); Österr. Nationalbibl. (Hss.-Smlg.), Pfarre St. Karl Borromaeus, Univ. für Musik und darstellende Kunst, WStLA, alle Wien.
(R. Müller)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 66f.
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