Weinheber, Josef; Ps. Sven Teaborg, Dr. Martin Miller (1892–1945), Schriftsteller und Beamter

Weinheber Josef, Ps. Sven Teaborg, Dr. Martin Miller, Schriftsteller und Beamter. Geb. Wien, 9. 3. 1892; gest. Kirchstetten (NÖ), 8. 4. 1945; röm.-kath., ab 1918 konfessionslos, ab 1927 evang. AB, ab 1944 röm.-kath. Vorehel. Sohn des Fleischhauers und Viehhändlers Johann Christian W. (geb. Mödling, NÖ, 18. 7. 1860; gest. Wien, 30. 8. 1901) und der Weißnäherin Franziska Theresia W., geb. Wykidal (geb. Rudolfsheim, NÖ/Wien, 30. 4. 1868; gest. Wien, 31. 8. 1904), Vater von Johann Christian W.-Janota (geb. Wien, 5. 12. 1941; gest. ebd., 26. 12. 2017) aus W.s Beziehung zu der Germanistin Gertrude (Gerda) Janota (geb. Linz, OÖ, 21. 10. 1915; gest. ebd., 13. 11. 2008); ab 1919 verheiratet mit Emma W., geb. Fröhlich (geb. Wien, 8. 10. 1889; gest. New York City, NY, USA, um 1965; Scheidung 1920), ab 1927 mit Hedwig W., geb. Oberst, verwitwete Krebs (geb. Wien, 30. 4. 1885; gest. Kirchstetten, 5. 9. 1958). ‒ Aus desolaten kleinbürgerl. Verhältnissen stammend, brachte W. einen Teil seiner Jugend in einer Korrektionsanstalt für verwahrloste Kinder und im Hyrtl’schen Waisenhaus in Mödling zu (verarbeitet im Roman „Das Waisenhaus“, 1924). Nachdem ein Misserfolg ihn mit 15 Jahren den Freiplatz am Gymn. gekostet hatte, schlug er sich mehrere Jahre in Gelegenheitsberufen, u. a. als Gehilfe in einer Brauerei und einer Ross-Schlächterei, durch. Für sein Künstlertum wegweisende Bildungsfaktoren wie die Kenntnis der alten Sprachen und Literaturen musste er sich hauptsächl. autodidakt. erwerben. 1911 trat er in den Beamtendienst bei der Wr. Post- und Telegraphendion. ein. Ab etwa 1912 literar. schaffend, entwickelte W. seit Anfang der 1920er-Jahre seine Poetik des „reinen Gedichts“ („Von beiden Ufern“, 1923; „Boot in der Bucht“, 1926). Auf Reisen nach Italien und Frankreich (1925‒31) vertiefte er das Renaissance-Erlebnis (Michelangelo), das sein Prinzip der Rückbindung der Lyrik an die Plastik und sein Bild vom Künstler als Geistesheroen untermauerte. Nach der durch die Wirtschaftskrise bedingten Frühpensionierung 1932 (im Rang eines Insp.) versuchte sich W., der auch als Maler hervortrat, als freier Schriftsteller, anfangs mit wenig Erfolg. Wiewohl von einzelnen namhaften Intellektuellen wie z. B. Leo Perutz und Theodor Lessing gefördert und verschiedentl. ausgez. (Preis der Stadt Wien für Dichtkunst, 1925; Lyrik-Preis der Julius-Reich-Dichterstiftung, 1930), gelang der Durchbruch erst mit Mitte Vierzig (Mozart-Preis der Goethe-Stiftung, 1936). W.s lyr. Hauptwerke („Adel und Untergang“, 1934; „Späte Krone“, 1936) standen im Zeichen eines an →Karl Kraus geschulten „Sprachgewissens“ und knüpften an den „Zeitkampf“ der „Fackel“ an; sie erschlossen sich einen eigenwilligen gegenmodernen Kanon in Dichtung und Phil. (dazu sein programmat. Essay „Im Namen der Kunst“, 1936). In seiner beliebten Ged.smlg. „Wien wörtlich“ (1935, erw. 1938) entwarf W. in der Tradition Nestroy’scher Satire ein mundartl. gefärbtes Porträt der Stadt, ihrer Typen, Landschaften und Szenerien. Dem radikalen Formbewusstsein entsprach das Bekenntnis zu einem trag. Humanismus: Durch Sprache werde der Mensch „eine geistige Wirklichkeit“; Kunst in sprachvergessener, tatberauschter Zeit sei „Dienst im aufgelösten Heiligtume“. Anfang der 1930er-Jahre sympathisierte W. mit einer „nationalen Revolution“, von der er sich v. a. einen kulturpolit. Umbruch erhoffte. In eine ihn zusehends verstörende achtjährige Phase ohne Verleger fiel der Eintritt in die NSDAP (ab 1931 Anwärter, ab 1933 Mitgl., 1934 Austritt, 1944 Wiederaufnahme, rückwirkend mit 1941). Zeitweilig engag. W. sich bei dem Versuch, österr. Schriftsteller in diesem Umfeld zu versammeln (Referent bei der Landesführung des Kampfbunds für dt. Kultur, später u. a. Beisitzer beim Bund dt. Schriftsteller Österr.). Obzwar rasch ernüchtert, von der völk. Ideol. und deren literar. Doktrin abgestoßen, löste er sich doch nicht mehr von diesem Lager. Er reüssierte u. a. dank der Beheimatung im nationalkonservativen Münchner Verlagshaus Langen-Müller und gewann in Z. wie „Der getreue Eckart“, „Die Neue Literatur“ und v. a. „Das Innere Reich“ ein Forum für seine Poesie. Zahlreiche Vortragstourneen führten ihn 1936‒39 quer durch das Dt. Reich. In seinen Büchern blieb W. indes kompromisslos und stellte dem „grässlichen Herrn der Erde“ sein Ideal vom „Menschen der Mitte“ entgegen. Dem „Anschluss“ Österr. an das nationalsozialist. Dtld. begegnete er bereits mit Ablehnung, über den Verlauf zeigte er sich entsetzt. Emigrationspläne wurden jedoch aufgegeben, um in der Illusion auszuharren, „mitbauen“ zu müssen. Von äußeren und inneren Zwängen genötigt, verf. W. in dieser Zeit immer wieder Auftragstexte zu offiziellen polit. Anlässen (z. B. „Hymnus auf die Heimkehr“ zur Festvorstellung des Burgtheaters an →Adolf Hitlers Geburtstag im April 1938). Während er gefeiert wurde (u. a. Großer Dichterpreis der Stadt Wien, 1941; Dr. h. c. der Univ. Wien, 1942), schärfte sich ihm die Überzeugung, als „Spätling der Gestalter“ zum Bewahrer des großen Erbes inmitten von Niedergang und Zerstörung bestimmt zu sein. Von der Last seines späten Ruhms, den W. von Anfang an als „Missverständnis“ empfand, fühlte er sich auf seine mit „Einsamkeit, Urangst, Frömmigkeit“ umschriebene „Substanz“ zurückverwiesen. Seine letzten Ged.zyklen („Zwischen Göttern und Dämonen“, 1938; „Kammermusik“, 1939; „Hier ist das Wort“, posthum 1947) betonen daher den Widerspruch zu jener Sphäre. Sie wollen eine unabhängige menschl. und künstler. Haltung sowie eine ebenso zeit- wie selbstkrit. Geistigkeit bezeugen. Zeitlebens von Nervenkrisen und Alkoholismus geplagt, starb der zerrüttete Dichter an einer Überdosis Morphium. Er wurde auf seinem 1936 erworbenen Anwesen am Rande von Kirchstetten bestattet.

Weitere W. (s. auch H. Bergholz, J. W. Bibliographie, 1953; Website der J. W.-Ges.): Der einsame Mensch, 1920; Der Nachwuchs (Paradies der Philister), 1928; Vereinsamtes Herz, 1935; Persönlichkeit und Schaffen, ed. A. Luser, 1935; O Mensch, gib acht, 1937; Sämtl. Werke, ed. J. Nadler, 5 Bde., 1953‒56; Ged., ed. F. Sacher, 1966 (2. Aufl. 1978, m. bio-bibliograph. Anhang); Sämtl. Werke, ed. F. Jenaczek, 5 Bde. in 6 Tle., 1970‒96; Ich werde wieder sein, wenn Menschen sind, ed. Ch. Fackelmann, 2017. – Ed.: Der Augarten. Z. des Wr. Dichterkreises 5‒8, 1940‒43. ‒ Teilnachlässe: Österr. Nationalbibl., Wienbibl. im Rathaus, beide Wien; Archiv der J. W.-Ges., Kirchstetten, NÖ.
L.: Hall–Renner; Killy; Kosch; E. Finke, J. W., 1950; J. Nadler, J. W., 1952; H. Bergholz, in: Dt. Vjs. für Literaturwiss. und Geistesgeschichte 31, 1957, S. 557ff.; F. Feldner, J. W., 1965; F. Jenaczek, J. W. …, Wien 1995 (Kat.); A. Berger, J. W. …, 1999; Ch. Fackelmann, Die Sprachkunst J. W.s und ihre Leser, 2005; Ch. Fackelmann, in: Literaturwiss. Jahresgabe der J. W.-Ges., 2008/09, S. 17ff.; Website der J. W.-Ges. (m. B. u. W., Zugriff 24. 7. 2018); AdR, Wien.
(Ch. Fackelmann)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 69f.
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