Weis, Johann Baptist (1801–1862), Journalist

Weis Johann Baptist, Journalist. Geb. Plan, Böhmen (Planá, CZ), 12. 12. 1801; gest. Speising, NÖ (Wien), 19. 3. 1862; röm.-kath. Sohn des landwirtschaftl. Gutsangestellten Joseph W.; verheiratet mit Theresia W. – W. absolv. das Gymn. in Eger und inskribierte 1820 einen dreijährigen phil. Kurs an der Univ. Wien. 1823 trat er in den Staatsdienst ein, zunächst als Kassaverantwortlicher bei der Staatsschuldenkasse, ab 1830 bei der Hofkriegsbuchhaltung, wo er 1839 zum Rechnungsrat avancierte; 1849 i. R. W., der seit Ende der 1820er-Jahre publizist. tätig war, begann als Journalist beim „Neuen Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst“, das auch →Joseph Tuvora und →Johann Gabriel Seidl zu seinen Mitarb. zählte. Da das „Neue Archiv“ schon nach einem Jahr eingestellt wurde, rief W. im Frühjahr 1830 die Z. „Der Österreichische Volksfreund“ ins Leben, die sich ebenfalls der Staatengeschichte, Völkerkde., Biographie, daneben auch der Lokalgeschichte und den Wiss. widmete, aber Ende 1831 eingestellt wurde. 1834 veröff. er „Wien’s Merkwürdigkeiten mit ihren geschichtlichen Erinnerungen“, die drei Neuaufl. erlebten. Ab 1837 leitete er die Red. der von →Josef Alois Gleich gegr. Z. „(Neue) Komische Briefe des Hans-Jörgel von Gumpoldskirchen an seinen Schwager Maxel in Feselau …“, wobei die „Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran über d’Wienstadt“ als Vorbild dienten. Wie diese waren sie eine fortlaufende satir. Chronik Wiens, in der lokale Ereignisse aus der Perspektive eines scheinbar naiven Wien-Besuchers dargestellt und kommentiert werden. Durch die Briefform und die tw. dialektnahe Sprache sollten Volkstümlichkeit und Nähe zu – v. a. kleinbürgerl. – Leserschichten erreicht werden. W. übte darin Kritik an Missständen in verschiedenen Bereichen des städt. Lebens, wie Handwerk, Gewerbe, Dienstleistungen, Verkehr, Sitten und Gebräuche, Kinder- und Jugenderziehung usw. In ihrer nicht selten derben Schreibweise bediente bzw. verstärkte die Z. populäre Vorurteile, z. B. in Bezug auf Hauspersonal, proletar. und Handwerksberufe, und äußerte oft abfällige Kritik an Berufen, die überwiegend von Juden ausgeübt wurden (Börse, Journalismus). Die Verantwortung dafür, dass staatl. Behörden, Adel, Kaiserhaus – dem er immer wieder seine Loyalität bekundete – und Kirche von Kritik weitgehend verschont wurden, schob er später der vormärzl. Zensur zu. Nach Beginn der Märzrevolution 1848 gab sich W. zunächst „constitutionell“ und als Gegner der Zensur, lavierte bis zum Sommer 1848 zwischen den polit. Lagern, bekannte sich dann aber immer klarer zum Erhalt der Monarchie und kritisierte die Forderung nach einem starken AH. Die demokrat. Presse und die Juden diffamierte er als „Verderber“ der Revolution, deren Ziel die Errichtung einer kommunist. Herrschaft gewesen sei. Im Oktober 1848 verließ W. für einige Wochen Wien. Nach dem Ende der Revolution durfte seine Z. Anfang November 1848 wieder erscheinen. W. ging wegen des Mords an →Theodor Gf. Baillet de Latour mit den „Wühlern und Hetzern“, zu denen er →Adolf Fischhof, →Ludwig v. Löhner und Joseph Goldmark zählte, scharf ins Gericht und gab auch dem RT eine Mitschuld am Tod Latours, zu dessen Ehren er eine Stiftung ins Leben rief. In einer Flugschrift zeigte er sich erleichtert über die „glücklich überstandene Revolution“ und wollte mit seiner Z. für die „Zurückführung des verblendeten Volkes auf den legalen Rechtsboden“ eintreten. Mit Unterstützung von →Alexander Frh. v. Bach startete W. im Juli 1849 die „Wiener Volkszeitung“, ein konservatives, von der Regierung subventioniertes Bl. Die Ztg., die ihren Titel 1850 in „Oesterreichische Volkszeitung“ änderte (1853 eingestellt), sollte das Volk über die Gesetze, Anstalten und Einrichtungen der Regierung aufklären, lobte daher die oktroyierte Verfassung und generell das neue System, warb für ein einiges, freies und mächtiges Österr. und begrüßte den Einsatz der Armee gegen die aufständ. Ungarn. Im März 1850 legte W. aufgrund eines Zerwürfnisses mit dem Verleger die Red. des „Hans-Jörgel“ zurück, der von →Anton Langer weitergeführt wurde. Da W. aber die liberalere Linie Langers missbilligte, entschloss er sich 1851 zur Hrsg. der „Wiener Briefe vom Hans Jörgel aus Speising“, die der Volksztg. beigelegt wurden (Ende 1853 mit der Tagesztg. eingestellt). I. d. F. zog er sich nach Speising ins Privatleben zurück. Durch zahlreiche Smlgg. für wohltätige Zwecke, deren Gesamtergebnis auf über 100.000 fl geschätzt wurde, erwarb er sich große Verdienste.

Weitere W.: Nationalgarde, Preßfreiheit und Constitution …, 1848 (Flugbl.); Aufruf an meine lieben Landsleute, Kameraden, Brüder und Freunde!, 1848 (Flugbl.); Eine weltl. Predigt … für die … Revolution in Wien, 1848.
L.: WZ, 12. 7., 29. 11. 1849, 4. 4. 1862; Die Geißel, 17., Die Presse, 18. 11. 1849; Neuigkeiten, 15. 1. 1854; FB, 5. 4. 1862; Czeike; Nagl–Zeidler–Castle; Wurzbach; Morgenbl. für gebildete Leser, 1854, S. 208ff.; E. Bösel, Die kom. Briefe des Hans-Jörgel von Gumpoldskirchen und der Wr. Vormärz, Diss. Wien, 1929; M. Lunzer, Die Umstellung in der österr. Pressepolitik – die Verdrängung der negativen Methoden durch positive …, Habil. Wien, 1953, S. 53f.; K. Kauffmann, „Es ist nur ein Wien!“ Stadtbeschreibungen von Wien 1700 bis 1873, 1994, S. 248ff.; M. Schreiber, J. B. W. und sein „Hans Jörgel“, phil. DA Wien, 2008; AVA, Pfarre Lainz, UA, alle Wien.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 76f.
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