Weisbach, Augustin (1837–1914), Anthropologe und Mediziner

Weisbach Augustin, Anthropologe und Mediziner. Geb. Komotau, Böhmen (Chomutov, CZ), 17. 7. 1837; gest. Graz (Stmk.), 17. 4. 1914; röm.-kath. Sohn des Augustin W., Grundbuchführer der Gmd. Komotau, und der Josefa W., geb. Proschke; in 1. Ehe mit Johanna W., geb. Schmid, ab 1882 mit Auguste W., geb. Palme, verheiratet. – W. stud. nach Ablegung der Matura 1855 an der med.-chirurg. Militärakad. (Josephinum) in Wien; 1861 Dr. med. Dem 80. IR zugeteilt, arbeitete er zunächst als Ass. am Josephinum bei →Josef Engel. 1864–65 diente er als Oberarzt im Garnisonsspital Olmütz. Nach der Teilnahme am preuß.-österr. Krieg 1866 suppl. W. 1867/68 die Professur für gerichtl. Med. und San.polizei am Josephinum. 1868 bewarb er sich erfolgreich um die Stelle des ordinierenden Arztes des österr.-ung. Nationalspitals in Konstantinopel, zu dessen Dir. er 1871 ernannt wurde. 1882 zum Stabsarzt befördert, kehrte er 1886 als Chef-Pathologe in das Garnisonsspital Nr. 1 nach Wien zurück (1887 Oberstabsarzt). Seine Ernennung zu dessen prov. sowie zum Leiter des Garnisonsspitals Nr. 2 hielt ihn nicht davon ab, 1893 eine Stelle als San.chef des 15. Korps in Bosnien und der Herzegowina anzutreten. Seine letzten drei Dienstjahre war er als San.chef des sog. Off.spitals in Wien tätig. 1900 trat er als Gen.stabsarzt i. d. R. Den Lebensabend verbrachte er in Graz. W.s Karriere als Militärarzt bildete den Hintergrund für sein lebenslanges Engagement für die Anerkennung der (phys.) Anthropol. als Gegenstand akadem. Forschung und Lehre und die Standardisierung der Anthropometrie. Inspiriert von dem schwed. Anthropologen Anders Retzius, strebte er seit den 1860er-Jahren eine vereinheitlichte quantifizierende Anthropometrie mit dem Ziel an, die ethn.-„rassische“ und geschlechtl. Differenzierung der Bevölkerungsgruppen Österr.-Ungarns und des osman. Balkans zu erfassen; als Differenzierungskriterium der Ethnien und Nationen nahm er außer der Schädelform weitere anatom. Merkmale (Beckenbreite) sowie zunehmend den Typus (Komplexion, Wuchs etc.) ins Visier. Für W.s Reputation von größter Bedeutung war der Umstand, dass ihm 1866 die in aller Welt gesammelten anthropometr. Daten der österr. Novara-Expedition (1857–59) zur Bearb. übergeben wurden. Seine „Körpermessungen“, 1867 in der Novara-Ser. publ., dienten Charles Darwin in „The Descent of Man“ (1871) als einzige empir. Evidenz seiner These einer natürl. Selektion. Den aktiven Militärdienst nützte W. auch dazu, anthropometr. Daten von Lebenden und osteolog. „Material“ von Verstorbenen zu sammeln. In den 1860er-Jahren veröff. er vorwiegend Arbeiten über die nach Alter, Geschlecht und ethn. Differenzierung variierenden Gewichtsverhältnisse des Gehirns österr.-ung. „Individuen“. Danach war er mit der Auswertung von anthropometr. Daten der österr.-ung. Ostasien-Expedition (1868–71) beschäftigt, wobei W.s „Körpermessungen verschiedener Menschenrassen“ (1878) erwähnenswert sind. In den 1880er-Jahren arbeitete er über Ethnien und Schädelformen auf dem osman. Balkan und in Kleinasien. Seit den 1890ern publ. er in den „Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien“ die nach Ethnizität geordneten, von Militärärzten aufgenommenen anthropometr. Daten von Rekruten aus allen Kronländern (mit Ausnahme Tirols) und aus Bosnien-Herzegowina. Darüber hinaus widmete er sich immer wieder der Bearb. prähist. Funde, insbes. jener vom Glasinac-Plateau in Bosnien. Seine osteolog. Smlgg. (1.384 Kranien, davon 704 von Soldaten, 260 Becken) hinterließ er dem Naturhist. Mus. in Wien (W.-Smlg). W. war Mitgl., k. M. und Ehrenmitgl. zahlreicher anthropolog. Ges. in Europa (u. a. ab 1887 jener in Wien, 1888–94 Vizepräs. und ab 1911 Ehrenmitgl.) sowie Mitbegründer einer anthropolog. Sektion im Naturwiss. Ver. für Stmk. Er erhielt u. a. 1869 das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens, 1870 den osman. Mecidiye-Orden IV. Kl. sowie 1887 den Orden der Eisernen Krone III. Kl.

Weitere W.: s. Khull-Kholwald.
L.: Grazer Volksbl., 21. 4. 1914; Fischer; SBL; S. Kirchenberger, in: Der Militärarzt 48, 1914, Sp. 150f.; F. Khull-Kholwald, in: Mitt. des Naturwiss. Ver. für Stmk. 51, 1915, S. 8ff. (m. B. u. W.); R. Pöch, in: Wr. Prähist. Z. 2, 1915, S. 143ff.; G. Tischler, Das Leben und Wirken von Dr. A. W., zahnmed. Diss. Wien, 1996 (m. B.); Pfarre Graz-Herz Jesu, Stmk.
(B. Fuchs)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 78f.
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