Weiskirchner, Richard; amtl. bis 1898 Weiskircher (1861–1926), Politiker und Beamter

Weiskirchner Richard, amtl. bis 1898 Weiskircher, Politiker und Beamter. Geb. Wien, 24. 3. 1861; gest. ebd., 30. 4. 1926 (Ehrengrab: Hietzinger Friedhof); röm.-kath. Sohn des Lehrers Georg Weiskircher (geb. Langau, NÖ, 22. 10. 1819; gest. Wien, 30. 8. 1869), der u. a. →Karl Lueger unterrichtete, und von dessen Frau Franziska Weiskircher, geb. Ochs. – W. besuchte 1870–79 das Mariahilfer Gymn. und stud. ab 1879 Rechtswiss. an der Univ. Wien; 1884 Dr. iur. 1883 trat er in den Dienst der Stadt Wien, wo der Verwaltungsjurist bis zum Magistratsdir. (1903) aufstieg. Schon 1891 stieß W. unter dem Einfluss Luegers zu den sog. Entenabenden, bei denen das theoret. Fundament der Christl.sozialen diskutiert und erarbeitet wurde. In die 1890er-Jahre fallen auch eine rege Vortragstätigkeit sowie programmat. Schriften zu Fragen des Gewerbewesens. Im Magistrat wurde W. zur wichtigsten Stütze Luegers, der seiner „rechten Hand“ zu Mandaten im AH des RR (1897–1911) und im nö. LT (1898–1914/18) verhalf. Sein Schwergewicht als Abg. lag auf sozialen, gewerbl. und dienstrechtl. Themen, später auch auf Verfassungsrecht und Steuerfragen. Das erste auf Basis des allg. und gleichen Männerwahlrechts gewählte Parlament bestellte ihn 1907 zum Präs. des AH. Als Handelsminister (1909–11) geriet W. in den Einflussbereich von Agrarlobbys. Die unter seiner Federführung abgeschlossenen Handelsverträge fügten nicht nur der Monarchie nachhaltigen Schaden zu (österr.feindl. Stimmung in den brüskierten Balkanländern), sondern auch seiner Person (Unmut über Fleischverteuerung). Dem standen sozialpolit. Erfolge wie das Handlungsgehilfengesetz (1910), das den Beginn des Angestelltenrechts markiert, gegenüber. Nach Luegers Tod schlug W. die Übernahme des Wr. Bgm.amts aus. Angesichts zunehmender Flügelkämpfe und der verheerenden Wahlniederlage der Christl.sozialen in Wien bei der RR-Wahl 1911, bei der er sein Mandat verlor, aber auch als Minister zurücktreten musste, investierte er alle Kräfte in die Reorganisation der zerrütteten Wr. Partei. Bereits bei der Gmd.ratswahl 1912 konnte der Trend wieder zugunsten der Christl.sozialen umgedreht werden. Als Bgm. Wiens (1912–19) gelang es W. kaum, seine ambitionierten Pläne (U-Bahnen, zusätzl. Straßenbahnen, Schaffung von Freizeit- und Erholungsarealen, Bau neuer Brücken) zu verwirklichen. Während des 1. Weltkriegs blieben die Möglichkeiten der kommunalen Verwaltung durch Zentralbewirtschaftung und unbedingte Priorität militär. Interessen äußerst beschränkt. Von Teilen der Bevölkerung wurde W. trotzdem für die katastrophale Versorgungslage verantwortl. gemacht. Ein demokratiepolit. Fortschritt war die Einbindung der Opposition in die Entscheidungsfindung schon kurz nach Kriegsbeginn im Rahmen der „Obmänner-Konferenz“, die in der Kriegszeit zum wichtigsten Entscheidungsgremium der Stadt wurde. In der Umbruchsphase 1918/19 musste W. vorsichtig zwischen Hardlinern in seiner eigenen Fraktion und den immer dominierender werdenden Sozialdemokraten ausbalancieren. Nach dem Sieg der Letzteren bei der Gmd.ratswahl 1919 legte er sein Amt zurück, womit die christl.soziale Ära Wiens endete. Im selben Jahr wurde er in die Konstituierende Nationalversmlg. sowie 1920 in den Nationalrat gewählt, dessen Präs. er 1920–23 war. Mit zunehmendem Alter geriet W. in Widerspruch zu seiner Partei, etwa in der Ehefrage oder bei der Trennung Wiens von NÖ. Zudem verstärkten sich seine Kontakte zu Banken und nach Ungarn, was ihm scharfe Kritik einbrachte. Sein Ausstieg aus der Politik 1923 soll nicht ganz freiwillig erfolgt sein. Die letzten Lebensjahre verbrachte er fernab der Öffentlichkeit.

W.: Das Cartellwesen vom Standpunkte der christl. Wirthschaftsauffassung, 1896; Das Hutmachergewerbe, 1896; Die Weißgerberei in Wien, 1896; Die Zuckerbäckerei und die mit derselben verwandten Gewerbe, 1896; Städt. Wohnungspolitik, in: Flugschriften für Österr.-Ungarns Erwachen 21–22, 1917.
L.: Adlgasser; Czeike; O. Knauer, in: Wr. Geschichtsbll. 17, 1962, S. 65ff.; J. W. Boyer, Culture and political crisis in Vienna, 1995, s. Reg.; Ch. Mertens, R. W. (1861–1926), 2006 (m. B.); AVA, UA, Wienbibl. im Rathaus, WStLA, alle Wien.
(Ch. Mertens)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 81f.
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