Weiß, Edmund (1837–1917), Astronom

Weiss Edmund, Astronom. Geb. Freiwaldau, Schlesien (Jeseník, CZ), 26. 8. 1837; gest. Wien, 21. 6. 1917; röm.-kath. Sohn von Joseph W. (s. u.) und Josepha Klara W., geb. Vielhauer (geb. Zuckmantel, Schlesien / Zlaté Hory, CZ, 3. 5. 1803; gest. Wien, 30. 4. 1892), jüngerer Zwillingsbruder von →Adolf Gustav W.; ab 1872 mit Adelinde Fenzl (geb. 9. 3. 1845), Tochter von →Eduard Fenzl, verheiratet. – W. verbrachte die ersten Lebensjahre in der Nähe von Richmond bei London, das Gymn. besuchte er ab 1847 in Troppau. Ab 1855 stud. er Mathematik, Astronomie und Physik an der Univ. Wien; 1860 Dr. phil. Bereits ab 1858 wirkte er als Ass. an der Wr. Univ.sternwarte, wo er 1862 zum prov. und 1863 zum def. Adjunkten aufstieg. I. d. F. beschrieb er die Kunstuhren der Schatzkammer des Kaiserhauses und führte bis 1866 im Auftrag des Sternwartedir. →Karl v. Littrow als österr. Koär. Arbeiten für die Mitteleurop. Gradmessung durch. 1867 erhielt er einen Ruf an die Sternwarte in St. Petersburg, 1869 an das Geodät. Inst. in Berlin, schlug jedoch beide Angebote zugunsten der Wr. Sternwarte aus. Im Zuge des Neubaus der Univ.sternwarte auf der Türkenschanze in Wien unternahm W. 1872 Stud.reisen nach England und Nordamerika, um die modernste Instrumentierung kennenzulernen. 1878–1910 fungierte er als Dir. der Sternwarte und erwarb auch die zuvor von Littrow bewohnte und nach dem Halley᾽schen Kometen benannte Villa Komet, in unmittelbarer Nähe des Sternwarteareals. Unter W.᾽ Ägide wurde 1882 der damals weltgrößte Refraktor (27 Zoll) des irischen Herstellers Grubb sowie der 11 ¾ Zoll-Refraktor von Clark in Cambridge (Massachusetts) angeschafft. Weiters konnten ein photograph. Refraktor von →Carl Steinheil und als Rothschild’sche Stiftung ein Äquatorial-Coudé von Gautier samt Pavillon erworben werden. W. übernahm auch die Hrsg. der „Annalen der k.k. Sternwarte in Wien“. 1861 wurde er zum ao. Prof. und 1875 zum o. Prof. für Astronomie an der Univ. Wien ernannt; 1889/90 Dekan der phil. Fak.; 1908 i. R. W. befasste sich schwerpunktmäßig mit der Finsternis. Dazu nahm er an Expeditionen nach Griechenland (1861), Dalmatien (1867), Aden (1868) und Tunis (1871) teil. 1874 beobachtete er den Venusdurchgang in Jassy sowie 1899 den Leonidenfall in Delhi. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen legte er in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse“ und in den „Monthly Notices of the Royal Astronomical Society“ dar. In seinen „Beiträgen zur Kenntnis von Sternschnuppen“ (1868–70) ging er der Frage nach dem Ursprung dieser Himmelskörper nach. Entgegen der damals vorherrschenden Meinung brachte W. diese in Zusammenhang mit Kometen, für die er zahlreiche Bahnbestimmungen durchführte. Seine an den Beobachtungspunkten Wien, Melk, Brünn und auf dem Semmering durchgeführten Stud. veröff. er in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse“. Zudem widmete sich W. der Eigenbewegung der Fixsterne und fertigte eine verbesserte Version von Wilhelm Oeltzens „Katalog der Argelander᾽schen Zonen vom 15. bis 31. Grade südlicher Declination ...“ (in: Annalen der Univ.-Sternwarte in Wien, Suppl.bd. 1, 1890) und dem „Katalog der Argelander᾽schen Zonen vom 45. bis 80. Grade nördlicher Deklination ...“ (ebd., Suppl.bd. 2, 1919) an. Weiters beschäftigte er sich mit techn. Neuerungen wie der Photographie in der Astronomie. Wiss.geschichtl. Themen bearb. er z. B. in den 1868 gem. mit Littrow hrsg. „Meteorologischen Beobachtungen an der k. k. Sternwarte in Wien“ und 1888 in einer für das 7. „Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien“ verf. Untersuchung zu Albrecht Dürers geograph., astronom. und astrolog. Tafeln. Darüber hinaus setzte sich W. mit einer Neuausg. von →Joseph v. Littrows „Atlas des gestirnten Himmels für Freunde der Astronomie“ (1885) und dessen „Wunder des Himmels ...“ (1886), mit Aufsätzen u. a. im „Astronomischen Kalender“ der Univ.sternwarte und in den „Schriften des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse“ sowie mit öff. Vorträgen für die Popularisierung seines Fachgebiets ein. W. war u. a. ab 1867 k. M., ab 1878 w. M. der k. Akad. der Wiss. in Wien, ab 1883 Mitgl. der Royal Astronomical Society in London, der Dt. Akad. der Naturforscher Leopoldina und Ehrenmitgl. des naturforschenden Ver. in Brünn, ab 1913 Präs. der Österr. Komm. für die internationale Erdmessung, weiters Mitgl. der Société nationale des sciences naturelles et mathématiques de Cherbourg sowie k. M. des Bureau des longitudes in Paris und erhielt das Ehrendoktorat der Univ. Dublin. Zudem war er u. a. Kommandeur des tunes. Nischan el Iftikhar-Ordens II. Kl. und erhielt 1872 das Ritterkreuz, 1914 das Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens. 1935 wurde ein Mondkrater nach ihm benannt; HR. Sein Vater Joseph W. (Weiß) (geb. Breitenfurt bei Niklasdorf, Schlesien / Široký Brod, CZ, 5. 7. 1795; gest. Freiwaldau, 20. 3. 1847) stud. bis 1821 Veterinärmed. in Wien und ließ sich anschließend als Tierarzt in Freiwaldau nieder. 1836 eröffnete er hier, nach dem Vorbild von →Vinzenz Priessnitz, eine Kaltwasserheilanstalt. 1842 übersiedelte Joseph W. mit seiner Familie nach England und errichtete zunächst in Stanstead Bury bei London, 1844/45 dann in Richmond weitere Wasserheilanstalten. 1845 kehrte er nach Freiwaldau zurück. Über die Hydrotherapie verf. er 1837 „Die neuesten Erfahrungen und Heilungen, aus dem Gebiete der Wasserheilkunde“ und 1844 das wichtige „Handbuch der Wasserheilkunde für Aerzte und Laien“ (2. Aufl. 1847), das unter dem Titel „The hand book of hydropathy, for professional and domestic use“ im selben Jahr auch auf Engl. erschien und drei Aufl. erreichte.

Weitere W.: s. Wurzbach.
L.: NFP, 7. 7. 1903, 25. 8. 1907, 21. 6. (Abendbl.), 31. 8., WZ, 21. 7. 1917; Almanach Wien 68, 1918, S. 243ff. (m. B.); Eisenberg 2; Inauguration Univ. Wien 1917/18, 1917, S. 86ff.; Poggendorff 1–6; Wurzbach (m. W.); J. v. Hepperger, in: Astronom. Nachrichten 204, 1917, S. 431; Österr. Z. für Vermessungswesen 15, 1917, S. 81ff.; J. Hepperger, in: Vjs. für Astronomie 53, 1918, S. 6ff.; Monthly Notices of the Royal Astronomical Society 78, 1918, S. 258f.; N. Pärr, Wr. Astronomen, phil. DA Wien, 2001, S. 69f.; D. Angetter – N. Pärr, Blick zurück ins Universum, 2009 (m. B.); Pfarre Weinhaus, UA (m. B.), beide Wien. – Joseph W.: ADB; Hirsch; Wurzbach; G. J. Rickauer, Die Weiß᾽sche Wasserheilanstalt und Curmethode zu Freywaldau, 1838 (m. B.); J. Rohde, in: Erfahrungsheilkde. 60, 2011, S. 146ff. (m. B.).
(N. Pärr – M. Svojtka)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 84f.
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