Weiß, Johann Baptist Edler von (1820–1899), Historiker

Weiß Johann Baptist Edler von, Historiker. Geb. Ettenheim, Großhg.tum Baden (D), 17. 7. 1820; gest. Graz (Stmk.), 8. 3. 1899; röm.-kath. Sohn des Landwirts Ignaz W. und seiner Frau Barbara W.; ab 1854 mit Josephine Bader (gest. 1860), ab 1866 mit Maria Graf verheiratet. – W. besuchte ab 1832 das Gymn. in Offenburg, 1838 das Lyceum in Freiburg im Breisgau, an dem er im Philologen Anton Baumstark eine starke Lehrerpersönlichkeit fand. Anschließend bezog er mittels eines Stipendiums die Univ. Freiburg, an der er Moraltheol. bei Johann Baptist v. Hirscher, Orientalistik bei Johann Leonhard Hug und Heinrich Joseph Wetzer, Dogmatik bei Franz Anton Staudenmaier sowie phil. und rechtswiss. Kollegien hörte und insbes. die Erlernung moderner Sprachen fortführte. 1842/43 beschäftigte er sich vornehml. mit Kant, Fichte, Hegel und Schelling und belegte an der Univ. Tübingen Vorlesungen aus Dogmatik bei Johannes Evangelist v. Kuhn, neuerer Kirchengeschichte bei Karl Joseph v. Hefele, Ethik bei Immanuel Hermann v. Fichte, Ästhetik bei Friedrich Theodor Vischer, Philol. bei Gottlieb Lukas Friedrich Tafel und über die Genesis bei Heinrich Ewald. Danach stud. er in Heidelberg Geschichte bei Friedrich Christoph Schlosser sowie 1843/44 Kunstgeschichte in München, wo er auch Philol. und Ästhetik bei Friedrich Thiersch, eine Talmud-Vorlesung bei Daniel Bonifaz v. Haneberg und Geschichte bei Constantin v. Höfler hörte. Anschließend unterrichtete W. Französ. und Engl. an der Realschule in Freiburg und legte 1845 in Karlsruhe das Staatsexamen für klass. Philol., Altes Testament, Französ., Engl., Hebr. und Geschichte ab. Aufgrund des exzellenten Prüfungsergebnisses ermunterte die bad. Regierung W., an der Univ. Freiburg Vorlesungen über Weltgeschichte zu halten. Nach Erlangung des Doktorats mit einer Darstellung der Phil. Leibnizʼ und der Habil. mit der Abh. „Geschichte der Geschichtsphilosophie“ (Druck 1846) nahm er seine Lehrtätigkeit als Doz. auf. Im Zuge der Revolution von 1848 lehnte W. die mehrheitl. an der Univ. vertretene republikan. Gesinnung ab und verf. 1849, als sich die Univ. gegenüber dem Frankfurter Parlament für ein preuß. K.tum aussprach, eine Gegenadresse zugunsten einer großdt. Lösung und eines habsburg. K.tums. Dies hatte 1850 die Bestellung zum Red. der halboffiziösen „Neuen Freiburger Zeitung“ zur Folge, deren polit. Linie er großdt. ausrichtete. Als er sich während des sog. Bad. Kirchenstreits jedoch entschieden gegen die Regierungslinie stellte, wurde er der Red. enthoben, sein Doz.gehalt gestrichen, ein Presseprozess 1853 neu aufgerollt und W. u. a. zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Im Jahr davor war seine „Geschichte Alfreds des Großen“ erschienen und positiv aufgenommen worden. Zudem entsprach W.ʼ Grundhaltung, großdt. und kath., den Intentionen von →Leo Gf. v. Thun u. Hohenstein, der im Zuge der Wiederbesetzung der Grazer Lehrkanzel für Allg. Geschichte keinen der vom Prof.kollegium vorgeschlagenen Kandidaten bestellte. Über Vermittlung des österr. Gesandten in Karlsruhe, Joseph Philippovich v. Philippsberg, erfolgte 1853 die Ernennung W.ʼ zum Prof. an der Univ. Graz. Dort wurde er Mitvorstand des Hist. Seminars und Mitgl. der Lehramtsprüfungskomm., 1856/57 Dekan der phil. Fak. sowie 1861/62 Rektor. Seine Vorlesungen über Weltgeschichte waren in den ersten Jahrzehnten überaus stark frequentiert. Später erschien seine welthist. Betrachtungsweise zunehmend als unzeitgemäß. W. unternahm Reisen nach Italien, Frankreich und England und begleitete Erzhg. →Karl Ludwig, dem er Vorträge über Geschichte hielt, nach Frankreich, 1873 nach Konstantinopel und 1880 nach Sizilien. 1874 war er Vors. der oriental. Sektion auf der 29. Versmlg. dt. Philologen und Schulmänner in Innsbruck. W. gab aus dem Nachlass August Friedrich Gfrörers die „Geschichte des 18. Jahrhunderts“ (1862), „Zur Geschichte deutscher Volksrechte im Mittelalter“ (1865) und „Byzantinische Geschichten“ (1872–74) heraus. Er selbst veröff. u. a. „Maria Theresia und der österreichische Erbfolgekrieg“ (1863) und eine „Geschichte der französischen Revolution“ (1888). Das „Lehrbuch der Weltgeschichte“, sein Hauptwerk, ist eine Zusammenstellung des gesamten hist. Wissens in 22 Bde., von denen einzelne bis in die 1920er-Jahre bis zu sieben Mal aufgelegt wurden. Der langanhaltende Erfolg der „Weltgeschichte“ erklärt sich aus den Maximen W.’: Von Hegel und Wilhelm v. Humboldt beeinflusst und dem Fortschrittsgedanken in der Menschheitsentwicklung verbunden, suchte W. auf einer höheren Ebene eine letzte einigende Kraft des Menschentums und seiner verschiedenartigen Entfaltung in der Welt und fand diese in Gott. Die Weltgeschichte fasste der überzeugte Katholik als „eine lebendige Offenbarung Gottes“ auf. W. wurde mit dem Ritterkreuz des Gregoriusordens (1863), dem Titel Reg.Rat (1878), dem Brillantenen Kommandeurkreuz des Mecidiye-Ordens (1882) und dem Orden der Eisernen Krone III. Kl. (1885) geehrt, 1889 nob., 1892 zum HH-Mitgl. auf Lebenszeit sowie 1893 zum HR ernannt.

Weitere W. (s. auch Kernbauer): Geschichte der Stmk., in: Ein treues Bild des Hg.thumes Stmk., ed. F. X. Hlubek, 1860.
L.: ADB; Adlgasser; Wurzbach; F. Vockenhuber, HR Dr. J. B. v. W., 1899; Bad. Biographien 5, ed. F. v. Weech – A. Krieger, 1906, S. 803ff.; F. M. Schwarz, J. B. Edler v. W., phil. Diss. Wien, 1949; W. Höflechner, Das Fach „Geschichte“ an der Phil. resp. Geisteswiss. Fak. der Univ. Graz, 2015, S. 132ff.; A. Kernbauer, Das historiograph. Werk Grazer Historiker, 2015, S. 17ff., 533ff., 617 (m. B. u. W.); AVA, Wien; Stadtarchiv, UA, beide Graz, Stmk.
(A. Kernbauer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 89f.
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