Weiß (Weiss, Weihs), Josefine (Josefa); geb. Kühnel (1854–1932), Schauspielerin, Theaterdirektorin, Regisseurin und Dramaturgin

Weiß (Weiss, Weihs) Josefine (Josefa), geb. Kühnel, Schauspielerin, Theaterdirektorin, Regisseurin und Dramaturgin. Geb. Hötting (Innsbruck, Tirol), 23. 12. 1854; gest. Innsbruck (Tirol), 15. 10. 1932; röm.-kath. Tochter des Schneidermeisters Ferdinand Rauter (geb. 17. 7. 1831; gest. 20. 2. 1905) und seiner Frau Therese, geb. Kühnel (geb. um 1834; gest. 4. 9. 1895), die an Laientheatern mitwirkten, Schwester von Karl Rauter (geb. um 1867; gest. 6. 11. 1954), der bis 1948 auf verschiedenen Laienbühnen auftrat, Mutter von Anna W. (s. u.); verheiratet mit Franz Xaver W. (geb. um 1842; gest. 22. 8. 1921), der u. a. Bassist und Kassier beim Pradler Bauerntheater war. – W. wuchs durch ihre Eltern bereits mit dem Laientheater auf. Die Familie spielte zunächst in Hötting beim „Rößl in der Au“ und später in Pradl (Innsbruck). Ab 1884 leitete Ferdinand Rauter das Pradler Bauerntheater, ab den 1890er-Jahren gem. mit W. als Unternehmung Rauter-Weiß. Um 1900 übernahm W. (mit Unterbrechungen 1905 und 1906) die alleinige Dion. bis zur letzten Vorstellung 1917. Das Ensemble bestand, abgesehen von einzelnen Gästen, ausschließl. aus Laien. Gespielt wurde an Sonn- und Feiertagen von Ostern bis Oktober in einem umfunktionierten Heustadel im Lodronischen Hof sowie 1893–94 im neu eröffneten Theater im Löwenhaus, später kamen Abendauftritte im Adambräu hinzu. Die Truppe absolv. diverse Gastspiele u. a. im Tiroler Umland, in München und ab 1897 auch in Wien. Im Winter erfolgten Auftritte im Seidner Bräu in Hall. Neben Volksschauspielen und -stücken kamen v. a. hist.-romant. Ritterspiele auf die Bühne, umrahmt von musikal. Darbietungen sowie Tableaus. Wenngleich fast wöchentl. ein anderes Stück seine Auff. erlebte und zeitgenöss. Texte Eingang fanden, wiederholten sich die Titel über Jahre immer wieder. W. war bereits in den 1880er-Jahren eine treibende Kraft des Theaters: als Schauspielerin, als Bearb. von Texten sowie als Regisseurin. Rezipiert wurde sie zunächst v. a. als „erste“ Schauspielerin der Truppe, wie etwa in „Katharina von Howard oder Thron und Schafott“, „Agnes von Greifenstein oder ein Zweikampf um die Frauenehre“ (vermutl. nach Charlotte Birch-Pfeiffer), „Margaretha Maultasch, Gräfin von Tirol oder die Verräter von Kufstein“ oder in „Dagobert von Greifenstein oder Die wahnsinnige Selbstmörderin“. Diese Ritterspiele waren gleichzeitig Bearb. W.ʼ, wie es sich zumeist bei den aufgef. Stücken um von W. dramatisierte hist. Romane, Novellen oder Erz. handelte, deren Vorlage in der Regel nicht mehr eruierbar ist. Gelegentl. diente ein Text auch nur als vager Anhaltspunkt, um den dahinterliegenden Stoff bühnenwirksam einzurichten, so etwa im Fall von Heinrich Zschokkes hist. Roman „Der Freihof von Aarau“, der nun unter dem Titel „Georg Freigraf von Aarau oder Die Bluthochzeit auf Falkenstein“ reüssierte. Auch in Volksschauspielen und -stücken wurde W.ʼ schauspieler. Talent hervorgehoben, wie beispielsweise als Hermann von Schmids „Zwiderwurzen“, als Sonnwendbäuerin in Salomon Hermann Mosenthals „Der Sonnwendhof“ oder als „Die Hexentrautl“ nach einer Novelle von →Joseph Karl Maurer. Ab den 1890er-Jahren wurde W. v. a. in ihrer Funktion als Theater- und Spielleiterin wahrgenommen, die Hauptrollen wurden seltener, obwohl ihr schauspieler. Können weiterhin Anklang fand. 1902 stellte eine Zäsur für das Pradler Bauerntheater dar, da →Ferdinand Exl, ein wichtiger Teil des Ensembles, eine eigene Bühne gründete. Mit ihm gingen weitere talentierte Mitgl. wie Mimi und Anna Gstöttner (später Exl), Eduard Köck und Ludwig Auer. W. blieb bei der gewohnten Mischung aus Ritterschauspielen und Volksstücken, neu hinzu kamen Übernahmen von Stücken des Schlierseer Bauerntheaters. Darüber hinaus gelangten neue Werke von Josef Willhardt (→Josef Kuppa) zur Auff., wie etwa „Mutterliebe oder Der Sturz in den Höllengraben“, „Der Hallodri“ oder „Die Kinder des Sternenhofes“, was diesen erst bekannt machte. Die letzte Vorstellung war im Oktober 1917 Ernst Raupachs „Der Müller und sein Kind“. 1918 wollte der Maler August Klingenschmid, der zuvor in Schwaz mit einer Truppe gespielt hatte, die Leitung des Bauerntheaters übernehmen, W. bestand aber auf ihre älteren Rechte. Am Ende des Streits legte sie ihre Konzession zurück, die Behörde stellte aufgrund von Feuergefährlichkeit für die Spielstätte im Lodronischen Hof keine neue mehr aus und das Gebäude wurde 1920 abgerissen. Bearb. von W. wurden jedoch auch Jahrzehnte nach Ende des Pradler Bauerntheaters gespielt, etwa „Die Räuber am Glockenhof“ von →Josef Praxmarer, ein Stück, das später oft mit dieser Bühne assoziiert wurde. W. selbst fungierte noch 1927–30 als Spielleiterin der Vereinigung St. Nikolaus, die u. a. Stücke aus dem Repertoire des Pradler Bauerntheaters auff. Im kulturellen Gedächtnis blieb das Theater aber v. a. durch die „Pradler Ritterspiele“, die zunächst von Klingenschmids Bauernspielen 1922 reaktiviert und dann innerhalb der Familie gepflegt wurden: W.ʼ Tochter Anna W., verheiratete Höller-W. (geb. um 1876; gest. Schwarzach / Schwarzach im Pongau, Sbg., 20. 3. 1947), reüssierte als Schauspielerin nach Anfängen in Pradl auf Bühnen in Brünn, München, am Wr. Bürgertheater, am Stadttheater Innsbruck und am Linzer Landestheater. Gem. mit ihrem Mann, dem Schauspieler, Regisseur und Theaterdir. Max Höller (1880–1954), führte sie die Tradition der „Pradler Ritterspiele“ ab 1923 zunächst im Löwenhaustheater und dann in Form von Gastspielen, etwa auch für die Wehrmacht während der NS-Zeit, fort. Nach beider Tod wurde die gem. Tochter Grete Höller, selbst Schauspielerin, Leiterin der Pradler Ritterspiele in Wien, die dort nach langjährigen Gastspielen schließl. in der Biberstraße in Wien 1 eine eigene Spielstätte erhalten hatten. Die Auff. nach 1917 fokussierten jedoch – anders als unter W. – ausschließl. auf den Unterhaltungsfaktor.

L.: Tiroler Tagesztg., 6. 6. 1919, 8. 11. 1954; Tiroler Anzeiger, 22./23. 10. 1932; Innsbrucker Nachrichten, 24. 12. 1940; W. M. Lusenberg, in: Oesterr. Alpenpost 6, 1904, S. 357ff.; A. M. Achenrainer, Frauenbildnisse aus Tirol, (1965), S. 139ff., 187ff., XIII (m. B.); Stadtnachrichten (Innsbruck), 1993, H. 9, S. 15; Theatermus., Wien; Pfarre St. Nikolaus, Stadtarchiv, Tiroler Landesmus. Ferdinandeum, alle Innsbruck, Tirol.
(C. Mayerhofer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 92f.
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