Slezak, Leo (1873-1946), Sänger, Schauspieler und Schriftsteller

Slezak Leo, Sänger, Schauspieler und Schriftsteller. Geb. Mähr. Schönberg, Mähren (Šumperk, Tschechien), 18. 8. 1873; gest. Egern (Rottach-Egern, Dtld.), 1. 6. 1946; röm.-kath. – Sohn des Mühlenbesitzers Leo Rudolf S., der nach Verlust seines Vermögens in Brünn (Brno) als Magazineur arbeitete, ab 1900 verehel. mit Elisabeth (Elsa) S. (s. u.). S. erlernte in einer Maschinenfabrik das Schlosserhandwerk (Absolv. der Werkmeisterschule) und sang daneben im Chor des Stadttheaters von Brünn, wo Robinson (s. d.) seine stimml. Fähigkeiten entdeckte, ihn unentgeltl. unterrichtete und finanziell unterstützte. Nach seiner Militärdienstzeit wurde S. 1896 als Solist an das Brünner Stadttheater verpflichtet (Debüt als Lohengrin). Seine ersten Rollen waren Max (Carl Maria v. Weber, „Der Freischütz“), Tamino, Raoul (Giacomo Meyerbeer, „Die Hugenotten“) und Siegfried. 1898 kam er an die Berliner Hofoper, erhielt aber nur kleinere Rollen, wurde auf seinen eigenen Wunsch beurlaubt und sang 1899–1901 am Stadttheater Breslau u. a. Wagnerrollen (Walter von Stolzing, Siegfried, Tannhäuser). Seinen ersten internationalen Auftritt hatte S. 1900 als Lohengrin an der Covent Garden Opera London. 1901 wurde er von Mahler (s. d.) an die Wr. Hofoper verpflichtet, deren Mitgl. er bis 1912 und 1917–36 war; 1905 Kammersänger. Allein in Wien verkörperte S. in insgesamt 936 Vorstellungen 44 Rollen im dt. und im italien. Fach, seine internationale Glanzrolle, Verdis Othello, sang er zum ersten Mal an der Wr. Volksoper. 1907 ging S. für sieben Monate nach Paris, um bei Jean de Reszke seine Technik zu vervollkommnen und die Interpretation von Rollen in französ. Sprache zu stud. Gleichzeitig trat er dort als Don José, Faust (Charles Gounod, „Faust“) und in mehreren Opern von Meyerbeer auf. Von November 1909 (Debüt als Othello unter Arturo Toscanini) bis Jänner 1913 war S. Mitgl. der New Yorker Metropolitan Opera Company, mit der er mehrere Nordamerika-Tourneen unternahm. Neben Othello sang er mit größtem Erfolg u. a. auch Tamino, Faust, Alessandro Stradella (Friedrich v. Flotow) sowie Wagner-Partien. Bis 1917 unternahm er noch alljährl. Konzertreisen durch die USA. Nach dem 1. Weltkrieg begann S. mit seinem Klavierbegleiter Oskar Dachs ein umfassendes Liedrepertoire einzustud., mit dem er in vielen Ländern auftrat. Ende der 20er Jahre war er auch in Rundfunksendungen als humorvoller Erzähler zu hören, ab 1932 wirkte er erfolgreich in Spielfilmen (kom. Väterrollen) mit. 1933 verabschiedete er sich vom Wr. Publikum als Canio in Pietro Mascagnis „Der Bajazzo“. S. zählt aufgrund seiner enormen Tonfülle, des Glanzes seiner lyr.-dramat. Stimme und seiner Gestaltungskraft zu den größten Tenören des 20. Jh. Seine sorgfältige Aussprache kam ihm als Liedersänger zugute, wenngleich dabei sein Gefühlsüberschwang, wie er ihn auch als Filmschauspieler zeigte, manchmal als störend empfunden wurde. Er machte sich ebenso als Verf. humorvoller autobiograph. Werke einen Namen. Seine Frau, die Schauspielerin Elisabeth (Elsa) S., geb. Wertheim (geb. Wien, 25. 4. 1874; gest. Egern, 27. 5. 1944), begann nach Absolv. der Schauspielschule des KdM in Wien ihre Bühnenlaufbahn (Rollenfach: jugendl.-sentimentale Liebhaberin) 1891 am Schauspielhaus Potsdam und kam über das Stadttheater Karlsbad, das Berliner Neue Theater (1893), Krefeld (1894) und das Brünner Stadttheater (1895) an das Wr. Raimundtheater (1896), ehe sie 1898 nach Breslau ging. Nach ihrer dortigen Verehelichung mit S. beendete sie ihre Bühnenlaufbahn. Beider Tochter, Margarete S. (geb. Breslau, Preußen / Wrocław, Polen, 9. 1. 1901; gest. Rottach-Egern, 30. 8. 1953), debüt. 1926 als Operettensängerin in Wien und war 1935–44 an der Dt. Oper Berlin engag., an der sie in der Operette und in der Oper erfolgreich war. Nach dem 2. Weltkrieg wirkte sie auch als Filmschauspielerin. S.s Sohn, Walter S. (geb. Wien, 3. 5. 1902; gest. Flower Hill, N. Y., USA, 22. 4. 1983, Selbstmord), war zunächst Film- und Theaterschauspieler sowie Operettensänger, ging 1930 in die USA, spielte am New Yorker Broadway erfolgreich in Komödien und Musicals und machte dann in Hollywood Karriere als Filmschauspieler. Nach New York zurückgekehrt, trat er dort als Theater- und Filmschauspieler, Musicalsänger, Showmaster und in Rundfunk und Fernsehen auf.

W.: Meine sämtl. Werke, 1922; Der Wortbruch, 1928; Der Rückfall, 1930; Mein Lebensmärchen, 1948; Mein lieber Bub, ed. W. Slezak, 1966 (Briefe). – Teilnachlaß (Rollenbücher, Photographien), Österr. Theatermus., Wien.
L.: Eisenberg, Bühne (auch für Elisabeth S.); Enc. dello spettacolo (m. Verzeichnis der Filmrollen; auch für Walter S.); Grove, 2001; Grove, Opera; Kutsch–Riemens (auch für Margarete S.); MGG; Ulrich (auch für Margarete und Walter S.); L. Klinenberger, L. S., 1910; W. H. Seltsam, Metropolitan Operal Annals, 2. Aufl. 1949, s. Reg.; M. Slezak, Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, 1953; J. Denniss, in: Record Collector 15, 1964, S. 197ff. (m. Diskographie); J. Kesting, Die großen Sänger 1, 1986, s. Reg.; Lex. zur dt. Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien 2, 2000; R. Ulrich, Österreicher in Hollywood, 2004, S. 475ff. (zu Walter S.). – Elisabeth S.: Kosch, Theaterlex.; Neuer Theater-Almanach 3ff., 1892ff.; Der Humorist 12, 1892, Nr. 21 (m. B.); Einwohnermeldeamt Rottach-Egern, Bayern, Dtld.
(C. M. Gruber – H. Reitterer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 58, 2005), S. 357f.
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