Tappeiner von Tappein, Franz Edler (1816–1902), Mediziner, Botaniker und Anthropologe

Tappeiner von Tappein Franz Edler, Mediziner, Botaniker und Anthropologe. Geb. Laas, Tirol (Lasa/Laas, I), 7. 1. 1816; gest. Meran, Tirol (Merano/Meran, I), 19. 8. 1902. Sohn des Bauern Joseph Tappeiner und von Katherina Tappeiner, geb. Lechthaler, Vater von Hermann T. Edler v. T. (s. u.); ab 1847 verheiratet mit Mathilde v. Tschiderer (1825–1878). – Nach Besuch des Benediktinergymn. in Meran (ab 1827) sowie des Gymn. und der phil. Jgg. in Innsbruck (ab 1832) stud. T. 1836 Med. an der Univ. in Prag, 1837 an der Univ. Padua und ab 1838 wieder in Prag, wo er mit →Franz Dittrich befreundet war. Gem. verbrachten sie botanisierend ein Jahr in Laas im Vinschgau. Dabei erhobene Primärdaten stellte T. dem Naturwiss. Heinrich Gottlieb Reichenbach zur Verfügung. 1840 setzte T. sein Med.stud. in Wien fort; 1843 Dr. med. Da T. Aussichten auf eine Anstellung als Militärarzt auf Java hatte, schenkte er bereits 1842 sein umfangreiches Herbar dem Tiroler Landesmus. Ferdinandeum in Innsbruck. Die Stelle wurde jedoch aufgrund des zwischenzeitl. erreichten Friedensvertrags zwischen Borneo und Sumatra nicht mehr besetzt. I. d. F. eröffnete T. 1843 eine Praxis in Laas, war daneben als Chirurg tätig und begann neuerl. ein Privatherbar in Hinblick auf die Abfassung einer Monographie zur „Flora des Vinschgaus“ anzulegen, das er 1869 ebenfalls dem Tiroler Landesmus. Ferdinandeum schenkte. Pflanzenbelege von T. finden sich auch in den Herbarien des Inst. für Botanik der Univ. Innsbruck, im Naturmus. Südtirol in Bozen (Bolzano) und im Naturhist. Mus. in Wien. Ende 1846 übersiedelte T. nach Meran und avancierte dort rasch zum anerkanntesten Kurarzt. Darüber hinaus war er Mitbegründer einer Molkenkuranstalt und wirkte an der Ausarbeitung der Kurordnung mit. 1848 kandidierte der Liberale T. erfolglos für die Frankfurter Nationalversmlg. 1854 verlegte T. seinen Wohnsitz und seine Praxis, die er bis 1886 betrieb, nach Schloss Reichenbach in Obermais (Meran). Der Schwerpunkt seiner ärztl. Tätigkeit lag auf dem Gebiet der Lungentuberkulose, die er mit Freiluftbehandlung, Hydrotherapie und Suggestionskuren zu heilen versuchte. Seine Forschungen auf dem Gebiet der experimentellen Pathol. zur Tuberkulose-Infektion durch Inhalation von phthisischem Sputum, durchgeführt an Hunden am patholog.-anatom. Inst. in München 1877 und in Zusammenarbeit mit Rudolf Virchow in Berlin, waren bahnbrechend. Im Winter 1878/79 bereiste er Sizilien, Malta und Nordafrika. Anthropolog. interessiert, forcierte T. auch seine im Herbst 1878 begonnenen kraniolog. Feldforschungen in Tirol (Ötztal und Schnalstal) und in den Sieben Gemeinden (Sette Comuni) durch umfangreiche Schädelmessungen in Ossuarien und in vivo, mit dem Ziel, die Provenienz der Tiroler und Räter abzuklären. Seine Schädelsmlg. befindet sich heute in der Anthropolog. Abt. im Naturhist. Mus. in Wien. In seiner letzten Publ. „Meine anthropologische Weltanschauung“ (1901) stellte er sich gegen die Evolutionstheorie von Charles Darwin und vertrat die Auffassung, dass der erste Mensch als weißer Urmensch in Europa erschien. T. widmete sich auch der archäolog. Forschung in Südtirol; sein Fundmaterial vom Küchelberg bei Meran wurde dem Tiroler Landesmus. Ferdinandeum übergeben, dessen Mitgl. er ab 1842 war (Ehrenmitgl. ab 1891). Von der Central-Comm. zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und hist. Denkmale in Wien wurde er 1885 zum Konservator für Südtirol bestellt. 1887 Ritter des Ordens der Eisernen Krone III. Kl., wurde er 1898 mit dem Prädikat „Edler von Tappein“ nob. Sein Sohn, der Pharmakologe und Physiologe Hermann T. Edler von T. (geb. Meran, 18. 11. 1847; gest. München, Dt. Reich / D, 12. 1. 1927), stud. 1867/68 an der phil. Fak. der Univ. Innsbruck, danach Med. an den Univ. Göttingen, Heidelberg und Tübingen, ab 1871 an der Univ. Leipzig; 1872 Dr. med. 1877 habil. er sich als Priv.Doz. an der Univ. München, 1879 wechselte er als Prof. für Physiol. und Diätetik der Haustiere an die Zentral-Tierarzneischule. Ab 1887 ao. Prof. für med. Chemie und Pharmakol. an der Univ. München, leitete er 1893–1923 als o. Prof. das Inst. für experimentelle Pharmakol. T. befasste sich mit der Wirkung von Mucilaginosum sowie von Abführmitteln, mit der Resorption von Wasser und Zucker im Magen und mit der Toxizität von Natriumfluorid. Mit seinen Forschungen zur Sensibilisierung von Zellen und Organismen für sichtbare Strahlen durch photodynam. Stoffe legte er den Grundstein für weitere Forschungen auf dem Gebiet der Lichtbiol. 1888 wurde er Mitgl. der Dt. Akad. der Naturforscher Leopoldina.

Weitere W.: s. Riedler. – Hermann T. Edler v. T.: s. NDB; Poggendorff.
L.: Dolomiten, 17./18. 8. 2002; R. Wieser, in: Z. des Ferdinandeums für Tirol und Vbg., F. 3, 1903, S. 314ff. (m. B.); F. Innerhofer, in: Die Heimat. Bll. für tirol. Heimatkde., 1912, Nr. 5, S. 97ff.; E. Lanner, in: Tiroler Ehrenkranz. Männergestalten aus Tirols letzter Vergangenheit, ed. A. Lanner, 1925, S. 200f.; G. Sauser, in: Berr. des naturwiss.-med. Ver. in Innsbruck 45/46, 1938, S. 1ff.; F. H. Riedl, in: Der Schlern 40, 1966, S. 59ff.; H. Riedler, Dr. F. T. Edler v. T. Sein Leben und Wirken, 1984 (m. W.); W. Neuner, in: Festgabe für E. Egg zum 65. Geburtstag, 1985, S. 124ff.; E. Hastaba, in: Veröff. des Tiroler Landesmus. Ferdinandeum 78, 1998, S. 269, 287; J. Egger, in: Limprichtia 27, 2005, S. 188 (m. B.); UA, Wien; UA, Praha, CZ. – Hermann T. Edler v. T.: DBE; Fischer; NDB (m. W. u. L.); Pagel (m. B.); Poggendorff 3, 4, 6 (m. W.); Wer ist’s?, 1909; A. Jodlbauer, in: Münchener med. WS 74, 1927, S. 285; UA, Innsbruck, Tirol; UA, Leipzig, UA, München, beide D.
(W. Neuner – D. Angetter)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 64, 2013), S. 198ff.
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