Trentsensky, Mat(t)hias (Matthäus) (1790–1868), Lithograph und Verleger

Trentsensky Mat(t)hias (Matthäus), Lithograph und Verleger. Geb. Wien, 30. 8. 1790; gest. ebd., 19. 3. 1868; evang. Sohn von Matheus T. (gest. Wien, 1818; Selbstmord), Kompagnon des Seidenfabrikanten und händlers Johann Fachini, und seiner Frau Elisabeth T., geb. Fachini, Bruder von Josef T. (s. u.); verheiratet mit Anna T., geb. Kurzweil. – T. immatrikulierte sich 1806 für das Stud. der Kameralwiss. an der Univ. Wien, wechselte dann jedoch zum Militär (1813 Oblt.) und war nach Kriegsende 1815 im Gen.quartiermeisterstab teils in der Zeichnungskanzlei, teils in der lithograph. Anstalt tätig. Er beabsichtigte, die von Alois Senefelder in München erfundene Lithographie in Wien anzuwenden, und arbeitete zunächst im Atelier von →Adolf Friedrich Kunike. 1819 gründete T.s Bruder als offizieller Geschäftsführer die eigene Fa., wobei T. schon im Jänner 1822 ein (auf Josef lautendes) zehnjähriges Privilegium für den Druck auf gekörnten Zinkplatten erhielt. Diese Technik ersetzte den schweren Schieferstein und bahnte i. d. F. dem Offsetdruck den Weg zum Hauptdruckverfahren. Im April 1823 erhielt T. ein Privilegium auf eine Zylinder-Druckmaschine für den Buchdruck, bei der der Zylinder über eine feststehende, eingefärbte erhabene Druckform rollte. Trotz einer Tagesleistung von bis zu 6.000 Drucken setzte sich dieses Verfahren jedoch nicht durch. Seinen künstler. wie auch kommerziell größten Erfolg erzielte T. mit Bilderbögen, insbes. mit den sog. Mandelbögen für Kinder und Jugendliche. Diese waren als lithograph. Federzeichnungen zum Selbstausmalen oder als komplette handkolorierte Ausschneidebögen zu gestaffelten Preisen erhältl. Themat. umfassten sie Soldaten aller Waffengattungen (Darstellung der österr. Armee in 36 He. mit über 200 Abbildungen, 1823–24) ebenso wie Theaterfiguren samt Kulissen zu beliebten Wr. Schauspiel- und Opernauff., mitunter von →Moritz v. Schwind entworfen. Es gab Trachten und Ansichtenfolgen (Gegenden um Wien, um 1825, bzw. Wiens maler. Umgebungen, um 1825/30), Krippenfiguren, von →Matthias Johann Ranftl und →Josef Danhauser entworfene Tierbilder sowie Modebilder. Die Bögen wurden nicht nur im eigenen Geschäft am Stephansplatz verkauft, sondern auch nach Dtld., Russland, in die Donaufürstentümer und nach Amerika exportiert. Für die von →Simon Stampfer erfundenen stroboskop. Scheiben lieferte T. außerdem die notwendigen Bildreihen (gem. Privilegium 1833). Bei seinen Arbeiten handelt es sich vorrangig um schwarz gedruckte Federlithographien mit teils sehr farbintensiven Handkolorierungen. Die Federzeichnungen sind manchmal von Joseph Schmutzer ausgeführt. Bei späteren Bll. wurde auch die Kreidelithographie, ebenfalls in Schwarz gedruckt, angewandt. Diese Drucke wurden anschließend durch feine, exakte Handkolorierung zu kleinen Kunstwerken vollendet, insbes. wenn die Kreidelithographie von →Josef Kriehuber stammte. Als Zeichner fand T. 1826 selbst große Anerkennung mit dem für Kunike gestalteten Krönungswerk der Kn. von Russland. 1839 wurde er Geschäftsführer des Witwenbetriebs von Rosalie Kunike und führte nach deren Tod 1845 den Verlag, während →Eduard Sieger d. Ä. die lithograph. Anstalt leitete. T.s Bruder Josef T. (geb. Wien, 9. 8. 1794; gest. ebd., 24. 1. 1839) war an der Entwicklung und dem geschäftl. Erfolg der Fa. mitbeteiligt. Bemerkenswert ist sein Privilegium auf hölzerne Bausteine, wahrscheinl. die Basis für alle späteren Kinderbaukästen. Er war bis zu seinem Tod in der Fa. T., die bis zu 200 Arbeiter beschäftigte, tätig. Der Großtl. der lithograph. Arbeiten befindet sich heute im Wien Mus.

L.: Thieme–Becker; Wurzbach; R. v. Grünebaum, in: Donauland 2, 1918, S. 153ff. (m. B.); A. Koll, T.: Papiertheater und Lithographie, phil. Diss. Wien, 1971; A. Durstmüller, 500 Jahre Druck in Österr. 1–2, (1982–86), s. Reg.; P. R. Frank – J. Frimmel, Buchwesen in Wien 1750–1850, 2008.
(G. Wasshuber)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 454
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