Bauer Otto, Politiker und Schriftsteller. Geb. Wien, 16. 4. 1897; gest. Prägraten am Großvenediger (Tirol), 10. 8. 1986; röm.-kath. Unehelicher Sohn des Metallschleifers Adolf Riedl und der Weißnäherin Maria Bauer (gest. 1900). – Bauer trat 1912 dem Bund der christlichen Arbeiterjugend von Anton Orel bei, welcher die sozioökonomischen Lehren →Karl Freiherr von Vogelsangs als Ausdruck der sozialistischen Bewegung ansah. Nach dem 1. Weltkrieg begann sich Bauer im Zuge der Neukonstitution der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in dieser zu engagieren. Innerhalb der SDAP wurde er auch, in Abgrenzung zum damaligen Parteivorsitzenden, der „kleine“ Otto Bauer genannt. Aus diesem Engagement erwuchs ab 1926 der Bund religiöser Sozialisten (BRS), den er gemeinsam mit den Philosophen Oskar Ewald-Friedländer und Robert Friedmann, den Pädagogen Wilhelm Frank und Hans Pichler sowie dem Schriftsteller und Philologen Eugen Benedikt in Breitensee gründete. Im Wesentlichen bildete dieser Personenkreis auch den Kern der Christophorus-Gemeinschaft, die als Vorgängerbewegung des BRS ihr Selbstverständnis in der Idee der Nachfolge im Sinne der Jüngergemeinschaft Christi begründet sah. Die offizielle Gründung des BRS erfolgte Anfang 1927, die Auflösung noch vor den Februarkämpfen im Jänner 1934 im Zuge seines Verbots durch das Dollfuß-Regime. Bauer fungierte 1926–34 als dessen Obmann. In dieser Funktion war er auch Mitgründer des „Menschheitskämpfers“, des journalistischen Organs des BRS, in dem er über 100 Artikel publizierte. Die Redaktion des „Menschheitskämpfers“ übernahm Bauer gemeinsam mit Wilhelm Frank, genauso wie jene der Zeitschriften „Neue Gemeinde“ und „Neue Saat“ sowie der 1929–32 als Beilage zum „Menschheitskämpfer“ erschienenen „Katholisch-Sozialistischen Aktion“. In all diesen Medien finden sich zahlreiche Beiträge und Artikel Bauers wie auch in „Neue Wege“, dem Organ der Schweizer Religiösen Sozialisten, und der „Arbeiter-Zeitung“. Nach Auflösung des BRS sowie dem Verbot der SDAP war Bauer bis 1938 unter den Decknamen „Weiss“ und „Herbst“ im Rahmen der Revolutionären Sozialisten Österreichs aktiv. In diesem Zusammenhang wurde er auch zweimal im Anhaltelager Wöllersdorf interniert. Im Zuge des „Anschlusses“ floh die Familie Bauer 1938 nach Zürich zu dem Theologen Leonhard Ragaz und seiner Frau, der Friedensaktivistin Clara Ragaz. 1939 übersiedelten sie ins französische Montauban, von wo aus sie 1940 in die USA emigrierten. Die Flucht wurde von dem SDAP-Politiker Joseph Buttinger und seiner wohlhabenden Frau, der Psychoanalytikerin Muriel Gardiner Buttinger, bezahlt und arrangiert. Im Dezember 1941 traten Bauer und Buttinger aus der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVÖS), der Bauer 1938 beigetreten war, aus, was auch deren Auflösung bedeutete. 1944–72 war Bauer Bibliothekar an der vom Ehepaar Buttinger gestifteten Buttinger Library. Diese Bibliothek, die ihren Schwerpunkt in der Sammlung deutschsprachiger sozialistischer Literatur hat, war bis 1972 in Manhattan untergebracht und wurde danach an die Universität Klagenfurt übersiedelt. Während seiner Zeit als Bibliothekar der Buttinger Library entwickelte Bauer eine umfassende schriftstellerische Tätigkeit, deren Resultat die erst posthum veröffentlichten Kompendien „Stammbuch – Geistliches Tagebuch“ (2023) und „Rückblick auf das Wirken der religiösen Sozialisten“ (2022) waren. Ersteres war die existenzielle Auseinandersetzung mit der Situation der in der Diaspora verstreuten Gruppe der Christophorus-Gemeinschaft, letzteres eine historische Aufarbeitung des Wirkens des BRS. Diese philosophisch-theologische Auseinandersetzung, welche in umfangreichen Briefwechseln mit Ragaz, Friedmann, Raimund Egger und Hans Pichler dokumentiert ist und sich auch in zahlreichen weiteren Abhandlungen widerspiegelt, endete erst mit dem Tod Friedmanns im Juli 1970. Das nachgelassene Werk Bauers, das sich seit 2016 vollständig im Archiv des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA) in Wien befindet, schließt eine Lücke in der Literaturlandschaft der Nachkriegsjahre in Österreich, deren geistesgeschichtliches Pendant sich u. a. in den Werken von Simone Weil, Hannah Arendt, Hans Jonas, Günther Anders, Emmanuel Levinas, Giorgio Agamben oder auch Ivan Illich finden lässt.

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