Baum, Vicki (Hedwig); geschiedene Prels, verheiratete Lert, Ps. Frau Lorl, „Der alte Gärtner“ (1888–1960), Schriftstellerin und Journalistin

Baum Vicki (Hedwig), geschiedene Prels, verheiratete Lert, Ps. Frau Lorl, „Der alte Gärtner“, Schriftstellerin und Journalistin. Geb. Wien, 24. 1. 1888; gest. Los Angeles, Kalifornien (USA), 29. 8. 1960; mosaisch, später konfessionslos. Tochter des Beamten Hermann Baum (geb. Parabuty, Ungarn / Ratkovo, Serbien, 20. 1. 1851; gest. Újvidék, Ungarn / Novi Sad, Serbien, 23. 1. 1942, bei einem Pogrom ermordet) und Mathilde Baum, geb. Donath (geb. Buchlowitz, Mähren / Buchlovice, Tschechien, 1865; gest. Wien, 31. 3. 1908), Mutter des Kaufmanns und Journalisten Wolfgang Lert (geb. Kiel, Deutsches Reich/Deutschland, 4. 4. 1917; gest. San Francisco, Kalifornien, USA, 13. 2. 2009) und Peter Lert (geb. Hannover, Deutsches Reich/Deutschland, 4. 1. 1921); ab 1909 verheiratet mit Maximilian (Max) Prels (geb. Wien, 28. 7. 1878; gest. 1926), Redakteur beim Ullstein Verlag, 1913 geschieden, ab 1916 verheiratet mit dem Dirigenten an der Berliner Staatsoper Johannes Richard Lert (geb. Wien, 19. 9. 1885; gest. Palo Alto, Kalifornien, USA, 25. 4. 1980). – Baums Eltern waren ursprünglich Gutsbesitzer, sie übersiedelten später nach Wien. Die Mutter war zeitlebens kränklich und zeitweise in einem Sanatorium untergebracht. Baum besuchte das Pädagogium in Wien. Auf Wunsch der Mutter lernte sie Harfe spielen und studierte in der Folge ab 1898 am Wiener Konservatorium. Sie schloss 1904 nach der Vorbildungsschule das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde ab und wurde eine ausgezeichnete Harfenistin. Sie trat oft auf Hochzeiten und Bar-Mizwas auf und gab Harfenunterricht. 1912 wurde sie am Darmstädter Hoftheater engagiert. Baum fühlte sich immer mehr zur Schriftstellerei hingezogen und begann schon bald, kleine Geschichten zu schreiben. Von einem Kollegen auf einen Literaturwettbewerb aufmerksam gemacht, schickte sie eine über Nacht geschriebene Arbeit ein und erhielt den 1. Preis. Auf Wunsch ihres zweiten Ehemanns gab Baum ihre Karriere als Harfenistin nach ihrer Hochzeit auf. Während des 1. Weltkriegs war sie als freiwillige Krankenschwester am Hof des Großherzogs von Hessen-Darmstadt eingesetzt. Nach Kriegsende zog sie mit ihrem Mann nach Kiel und 1923 nach Hannover, später nach Mannheim und 1926 nach Berlin. Zu dieser Zeit begann sie Romane für den Ullstein Verlag zu schreiben, zu dem sie durch ihren ersten Mann Kontakt hatte. Durch die Inflation gezwungen, mehr Geld zu verdienen, bewarb sie sich bei den Ullstein-Monatszeitschriften „Die Dame“ und „Uhu“ als Modezeichnerin und war bald auch als Redakteurin für diesen Verlag tätig. Bis 1931 arbeitete sie dort als Lektorin. Sie verfasste Artikel zu Lifestyle-Themen in der Modezeitschrift „Die Dame“ und im kritischen Zeitgeistmagazin „Uhu“. Die „Berliner Illustrierte“ brachte Vorabdrucke ihrer Romane, außerdem veröffentlichte sie unter dem Pseudonym „Der alte Gärtner“ in der „Grünen Post“ Gartentipps. Daneben schrieb sie mehrere Theaterstücke für Kinder, die in Berlin aufgeführt wurden. Schauplätze und Gegebenheiten recherchierte Baum auf das Genaueste. Durch ihren großen schriftstellerischen Erfolg wurde sie auch für die Reklameindustrie interessant, so warb sie u. a. für Armbanduhren. Mit ihrem größten Erfolg, dem Roman „Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ gelang ihr 1929 der Durchbruch. Das Buch wurde von Basil Creighton übersetzt und als Stück unter dem englischen Titel „Grand Hotel“ ein Broadway-Hit. Für den Film „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo reiste Baum 1931 nach New York. Sie kehrte kurzzeitig nach Berlin zurück, zog bald darauf nach Amerika und wurde von Paramount Pictures unter Vertrag genommen. Auf Anregung Ernst Lubitschs verfasste sie zwei Filmtreatments für Maurice Chevalier und Marlene Dietrich, die jedoch abgelehnt wurden. Später begann sie für die Zeitschrift „Good Housekeeping“ zu schreiben. Während ihrer ersten Jahre in Hollywood publizierte Baum ihre Romane auf Deutsch, ab 1935 im Amsterdamer Exilverlag Querido, nachdem ihre Bücher in Deutschland verboten worden waren. Ab 1941 schrieb sie nur noch auf Englisch. Baum war später bei dem Filmstudio Metro Goldwyn Meyer beschäftigt. Der Durchbruch als Drehbuchautorin gelang ihr allerdings nicht. Sie produzierte auch Dokumentarfilme, u. a. über die rituellen Tänze der Balinesen. 1938 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ab 1946 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zunehmend. 1960 begann sie ihre Memoiren zu schreiben, konnte sie jedoch nicht mehr selbst vollenden („Es war alles ganz anders“, 1962). Ihre Werke erschienen in vielen Übersetzungen und Auflagen. Baum schrieb außerdem zahlreiche Rezensionen und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, u. a. für die „Wiener Allgemeine Zeitung“, für das „Prager Tagblatt“, das „Theatre magazine“, „Das literarische Echo“, „Ladies’ Home Journal“, „Pictorial review“, „Saturday Evening Post“, „Welt und Wort“ und „The Reader’s Digest“. Sie beschäftigte sich häufig mit aktuellen Themen wie dem Recht auf Abtreibung, ledigen Müttern, Krieg, Exil und Naziterror. Sie gehörte zu Lebzeiten zu den weltweit meistgelesenen Autor:innen. Ihre Romane, die oft abwertend zur Trivialliteratur gezählt werden, hatten deshalb so großen Erfolg, weil es ihr durch ihre peniblen Recherchen und Charakterstudien gelang, die Figuren sehr realistisch zu gestalten. Ab 1938 war sie Mitglied des Deutschen PEN-Clubs. Ihr Nachlass wird im Archiv der Akademie der Künste in Berlin aufbewahrt.

Weitere W.: Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit, 1914; Der Eingang zur Bühne, 1920; Bubenreise. Eine Erzählung für junge Menschen, 1923; Stud. chem. Helene Willfüer, 1928; Pariser Platz 13, 1930; Zwischenfall in Lohwinckel, 1930; Die Karriere der Doris Hart, 1936 (im selben Jahr unter dem Titel „Sing Sister Sing“ in New York aufgeführt); Liebe und Tod auf Bali, 1937; Der große Ausverkauf, 1937; Shanghai 37 (in weiteren Aufl. unter dem Titel „Hotel Shanghai“), 1939; The Ship and the Shore, 1941 (deutsch unter dem Titel „Die fremde Nacht“, 1951); Schicksalsflug, 1947 (bereits 1945 in „Women’s Home Companion“ abgedruckt, englische Ausgabe „Flight of Fate“, 1965); Danger from Deer, 1951 (deutsch unter dem Titel „Vor Rehen wird gewarnt“, 1953). – Teilnachlässe: State University of New York at Albany, Department of Germanic Languages and Literatures, Vicki Baum Collection, Leo Baeck Institute, New York, Carl H. Ostertag/Vicki Baum Collection, beide New York, USA.
L.: NDB; Robert F. Bell, Vicki Baum, in: Deutsche Exilliteratur seit 1933. Studien zur deutschen Exilliteratur, ed. J. M. Spalek – J. Strelka, 1, Kalifornien, Teil 1, 1976; A. Todorow, Frauen im Journalismus der Weimarer Republik, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 16/2, 1991, S. 84ff.; Apropos Vicki Baum, ed. K. v. Ankum, 1998; J. Bertschik, „Ihr Name war ein Begriff wie Melissengeist oder Leibnizkekse“. Vicki Baum und der Berliner Ullstein-Verlag, in: Autorinnen der Weimarer Republik, ed. W. Fähnders – H. Karrenbrock, 2003, S. 119ff.; J. Bertschik, Mode und Moderne. Kleidung als Spiegel des Zeitgeistes in der deutschsprachigen Literatur (1770–1945), 2005, S. 255ff.; N. Nottelmann, Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie, 2007; S. Blumesberger, „Es war alles ganz anders“ Vicki Baum – neu betrachtet, in: praesent. das österreichische literaturjahrbuch 2011, ed. M. Ritter, 2010, S. 37ff.; J. Bertschik, Die Ironie hinter der Fassade. Vicki Baums neusachliche Komödie aus dem Schönheitssalon „Pariser Platz 13“, 1930, in: Vicki Baum: Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode, aktualisierte Neuaufl. 2012, S. 192ff.; Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888–1960), ed. S. Blumesberger – J. Mikota, 2013; biografiA. Lexikon österreichischer Frauen 1, 2016; FemBio. Frauen. Biographieforschung (Zugriff 9. 5. 2023).
(Susanne Blumesberger)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)