Baumgartner Ulrich, Kulturmanager, Regisseur, Schauspieler und Journalist. Geb. Berlin, Deutsches Reich (Deutschland), 20. 3. 1918; gest. Graz (Steiermark), 19. 8. 1984 (begraben: Wiener Zentralfriedhof, nicht verifizierbar). Sohn von Gertrud Baumgartner, einer an den Kunstgewerbeschulen in Brünn und Graz ausgebildeten Malerin, die mit Landschafts- und Blumenbildern hervortrat, und Franz Baumgartner, Professor an der Gewerbeschule; verheiratet mit der Lehrerin, Schauspielerin und Gegnerin des NS-Regimes Grita Baumgartner, geb. Kral (geb. Wien, 24. 3. 1922). – Baumgartner wurde als Sohn österreichischer Eltern in Berlin in eine musisch interessierte Familie geboren. Er besuchte das Realgymnasium in Graz. Bereits mit 18 Jahren assistierte er bei Filmdreharbeiten der Ufa. Im Wintersemester 1936/37 und dem darauffolgenden Sommersemester studierte er an der Universität Graz Kunstgeschichte und besuchte auch Vorlesungen aus Geschichte, Germanistik, Volkskunde und Philosophie. Nach dem Kriegsdienst bei der Deutschen Wehrmacht war er gemeinsam mit Hellmuth Himmel (später Ordinarius der Universität Graz), Harald Kaufmann (später Musikforscher), Rudolf Kellermayr (später Direktor des Akademischen Gymnasiums in Graz) und Willy Haring (später Oberregierungsrat im Kulturamt der Steiermärkischen Landesregierung) Mit-Initiator und künstlerischer Leiter des Grazer Hochschulstudios und trat als Lektor in den Leykam-Verlag ein. Das Grazer Hochschulstudio war eine Experimentalbühne, die Schauspielstudentinnen und -studenten Auftrittsmöglichkeiten bot und in ihren Programmen die Vergehen der nationalsozialistischen Kulturpolitik aufarbeitete. Am Anfang stand 1946 Georg Büchners „Leonce und Lena“. Baumgartner verantwortete mit der Aufführung von „Hinter geschlossenen Türen“ die erste Inszenierung eines Werks von Jean-Paul Sartre in Österreich. 1948 übergab er die Leitung an Heinz Gerstinger, den späteren Chefdramaturgen von Theatern in Graz, Augsburg und Wien. Während der Tätigkeit für das Hochschulstudio trat er als Autor für Kabaretts hervor. 1950 nahm Baumgartner eine Tätigkeit als Journalist auf und berichtete v. a. aus den USA; nach seiner Rückkehr war er Kulturredakteur und Kritiker, dann, bis in die 1960er-Jahre, freier Mitarbeiter der Grazer Tageszeitung „Neue Zeit“. Für den Zeitraum 1954 bis 1959 wechselte er als Regisseur und Dramaturg des Grazer Schauspielhauses wieder in die Theaterpraxis. Daneben legte er seine Schauspielprüfung ab und gab einen Band mit Werken von Anastasius Grün (→Anton Alexander Graf Auersperg) für die Reihe österreichischer Autoren im Stiasny-Verlag heraus („Zeit ist eine stumme Harfe“, 1958). 1959–64 war er Pressechef der Böhler Edelstahl-Werke in Kapfenberg und organisierte die Kapfenberger Kulturtage. 1964 wurde Baumgartner als Nachfolger von Egon Hilbert, der 1963 als Co-Direktor Herbert von Karajans an die Wiener Staatsoper gewechselt hatte, zum Intendanten der Wiener Festwochen berufen. Diese Position hatte er bis 1977 inne. Damit ist er der bis dato längstdienende Intendant des Festivals. Als solcher versuchte er eine Öffnung in alle Richtungen, indem er sowohl Theater, Oper, Operette, Tanz und Konzert gleichberechtigt nebeneinanderstellen wollte wie auch eine stärkere internationale Ausrichtung anstrebte. In die Zeit von Baumgartners Intendanz fielen, neben etlichen Ur- und Erstaufführungen, eine Martha-Graham-Retrospektive, Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder bestritten Kabarettprogramme, auch brachte Baumgartner Claus Peymann und Jérôme Savary erstmals nach Wien. Leonard Bernstein war ein gern gesehener Gast, was zur Initialzündung für die europäische Karriere des Dirigenten wurde. 1966 strebte Baumgartner „eine Art österreichische Kulturgeschichte der letzten 300 Jahre“ an (so Baumgartner in „Die Furche“ 22/1966), u. a. mit einem Schwerpunkt auf Lyrik von Frauen. 1975 feierten die Festwochen „150 Jahre Johann Strauß“. Es war charakteristisch für Baumgartners Programmierung, dass er Strauß’ Operetten der spanischen Zarzuela, der Operette Jacques Offenbach’scher Prägung und ihrer englischen Version, vertreten durch Gilbert & Sullivans „Patience“, gegenüberstellte – und weil man damit beim noch unbekannten Musikland Großbritannien war, brachte Baumgartner auch Benjamin Brittens „Gloriana“ nach Wien. Baumgartners ganze Intendanz war auf „kulturelle Konfrontation“ (Petra Paterno in „Wiener Zeitung“, 31. 5. 2021) ausgerichtet und polarisierte dementsprechend. Es passt ins Bild seines offenen Kulturverständnisses, dass er 1970 die Arena als alternative Veranstaltungsschiene der Festwochen ins Leben rief. Die Arena vollzog mehrere Ortswechsel. 1975 siedelte Baumgartner sie im ehemaligen Auslandsschlachthof St. Marx an, wo im Jahr darauf die „Proletenpassion“ der Pop- und Rockgruppe Die Schmetterlinge Geschichte schrieb. Als im selben Jahr nach dem Veranstaltungsprogramm der Abbruch des Gebäudes drohte, solidarisierte er sich mit den Besetzern des Arena-Geländes. Nach Ende seiner Festwochen-Intendanz ging Baumgartner zurück nach Graz, wo er ab 1977 dem Programm-Direktorium des „steirischen herbstes“ zuarbeitete. Für die „Wiener Zeitung“ war er in der gleichen Zeit als Hörfunkkritiker tätig. 1979 war er Redakteur der nur in zwei Ausgaben erschienenen Satire-Zeitschrift „Charivari“. 1977 und 1981 spielte er in den „Tatort“-Folgen „Der vergessene Mord“ und „Mord in der Oper“ den Oberinspektor Stoisser. Baumgartner war ab 1966 Mitglied der Freimaurerloge Libertas Gemina, wurde aber 1975 aus nicht eruierbaren Gründen ausgeschlossen. Er erhielt 1972 den Titel Professor und 1978 das Große Silberne Ehrenzeichen des Landes Wien.

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