Beckmann, Otto (1908–1997), Computerkünstler, Bildhauer und Schriftsteller

Beckmann Otto, Computerkünstler, Bildhauer und Schriftsteller. Geb. Vladivostok, Russland (Russische Föderation), 5. 5. 1908; gest. Wien, 13. 2. 1997. Sohn von Leopoldine Poppenberger (geb. Erlaa, Niederösterreich / Wien) und Oskar Wilhelm von Beckmann (geb. Kiev, Russland / Kyïv, Ukraine; gest. Kyїv, 6. 9. 1922), Hauptmann in der zaristischen Armee, Vater des Künstlers Oskar Beckmann (1942–2022); ab 1939 mit Johanna Beckmann, geb. Maier (gest. 1982), ab 1983 mit Monika Tanzberger verheiratet. – Beckmann lernte während seiner Schulausbildung (möglicherweise in einem Gymnasium in Kiew) Marc Chagall kennen, der einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen haben soll. 1922 floh seine Mutter mit ihm und seinen Geschwistern nach Erlaa bei Wien. Der Vater verblieb in Kiew und starb im selben Jahr. 1925 erhielt Beckmann die österreichische Staatsbürgerschaft. Ab 1922 setzte er seinen Schulbesuch in Wien fort und absolvierte in der Folge sowohl technische als auch künstlerische Ausbildungen. Von 1924 bis 1925 besuchte er Abendkurse für Maschinenbau und Elektroingenieurswesen an der Handelsschule in Wien. Er absolvierte weiters eine Mechanikerlehre, welche er 1927 mit der Gesellenprüfung abschloss. 1927 bis 1931 besuchte er die HTL Mödling, Zweig Holztechnologie, wo er 1931 maturierte. Von 1926 bis 1927 studierte Beckmann Malerei bei Franz Lerch an der Volkshochschule in der Stöbergasse. Von 1931 bis 1934 war er Assistent des Bildhauers Josef Heu, 1934 und 1935 Gaststudent in der Klasse für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst) des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie. Ab 1935 studierte Beckmann an der Wiener Akademie der bildenden Künste, zunächst bis 1936 Medaillenkunst bei Rudolf Marschall, anschließend Bildhauerei bei Albrecht Bechthold und Josef Müller. 1941 schloss er die Meisterklasse von Müller mit dem Diplom aus Bildhauerei ab. Ab August 1941 unterrichtete er an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Krakau, Klasse für Metallskulptur, deren Leitung er im selben Jahr übernahm. 1942 leitete er auch die Klasse für Metallverarbeitung und Emailtechnik. 1944 wurde die Schule geschlossen und Beckmann zum Volkssturm eingezogen. Nach seiner Rückkehr nach Wien 1945 war er als freischaffender Künstler tätig. Von der Bildhauerei kommend, schuf Beckmann ein umfangreiches Werk in unterschiedlichen Medien wie Grafik, Fotografie, Film, Plastik, Emailmalerei, darunter Arbeiten im öffentlichen Raum, sowie Audioarbeiten, Prosa und Lyrik. Hauptsächlich aber machte ihn die Verwendung der Computertechnologie in verschiedenen künstlerischen Disziplinen ab Mitte der 1960er-Jahre zum Pionier der Computerkunst. Bereits Ende der 1930er-Jahre hatte Beckmann Gedanken zur künstlerischen Formgebung auf Basis mathematischer Methoden entwickelt. Sein Hauptaugenmerk lag auf der praktischen Anwendung von Algorithmen, deren Ergebnisse in kunsthandwerklichen Objekten Gestalt annahmen. Ab den 1950er-Jahren schuf er solcherart Emailbilder und Plastiken. In den 1960er-Jahren erweiterte er seinen schöpferischen Radius mit dem Computer entscheidend. Durch seinen Sohn Oskar, der Nachrichtentechnik an der Technischen Hochschule Wien studierte, wurde er mit der Funktionsweise von Markov-Generatoren vertraut. Einen solchen verwendete er ab 1966, um Tonabfolgen und ab 1968, um visuelle Strukturen zu erzeugen. Mit seinem Vorstoß in den virtuellen Raum konnte er ästhetisch und thematisch völlig neue künstlerische Bereiche bis hin zu computergenerierter Lyrik erschließen. 1969 begann sein Sohn einen „Atelier-Computer“ zu konzipieren, der 1971 in Betrieb ging und bis 1979 weiterentwickelt wurde. 1966 entstand die Gruppe „ars intermedia“, die sich mit den künstlerischen Nutzungsmöglichkeiten des Computers befasste und der neben Beckmann sein Sohn Oskar, Alfred Graßl, Gerd Koepf und Gerhard Schedl angehörten. Charakteristisch für Beckmanns Schaffen insgesamt ist dabei die Anwendung formallogischer Arbeitsmethoden, zuerst der Mathematik und späterhin des Computers, welche sich in Werken mit starken Verbindungen zum Surrealismus manifestierten. Beckmann war mit der internationalen Szene der Computerkunst dicht vernetzt. Er nahm an wegweisenden Ausstellungen und Veranstaltungen teil und pflegte Kontakte mit zahlreichen Vertretern dieser damals noch jungen Richtung, wie Kurd Alsleben, Max Bense, Herbert W. Franke, Frieder Nake, Käthe Clarissa Schröder, Gerhard Stickel, Konrad Zuse und anderen. Er wurde 1951 Mitglied der Wiener Secession und erhielt 1958 den Berufstitel Professor. Seine Werke finden sich in zahlreichen Sammlungen, u. a. in der Albertina, in der Artothek des Bundes, im MUSA Museum Startgalerie Artothek, alle Wien, im Museum Niederösterreich, St. Pölten, in der Neuen Galerie Graz, in der Kunsthalle Bremen, im ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, dem Centre Pompidou, Paris sowie in mehreren Privatsammlungen.

W.: s. Archiv Otto Beckmann.
L.: AKL; Fuchs, 20. Jh.; R. Schmidt, Österreichisches Künstlerlexikon, 1980; Otto Beckmann (1908–1997). Zwischen Mystik und Kalkül, ed. P. Peer – P. Weibel, Graz 2008 (Kat.); Archiv Otto Beckmann, Sollenau (archiv-otto-beckmann.com); ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Deutschland (Zugriff 15. 11. 2023).
(Peter Peer)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)