Beer Hermann Karl Maria, bis 1919 Bär, Bautechniker. Geb. Gösting (Graz, Steiermark), 6. 9. 1905; gest. Graz (Steiermark), 20. 7. 1972; röm.-kath. Sohn von Cornelia Bär, geb. Valentinitsch, und Josef Bär (ab 1919 Beer), Volksschullehrer, Vater u. a. von Gernot Beer, 1993–2012 Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Baustatik der Technischen Universität Graz; ab 1938 mit Anneliese Beer, geb. Hartmann, aus Bingen am Rhein verheiratet. – Beer absolvierte die I. Staatsrealschule in Graz. Danach studierte er Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule Graz, wo er u. a. Physik bei Fritz Kohlrausch, Mechanik bei Karl Federhofer und Brückenbau bei →Georg Kapsch hörte. 1929 legte er sein zweites Staatsexamen ab. Als Kapsch im Oktober jenes Jahres an die Technische Hochschule München auf die Professur für Statik der Baukonstruktion und Eisenbau berufen wurde, folgte ihm Beer als Assistent und wirkte in München bis 1933; an der Technischen Hochschule Berlin erwarb er 1930 den akademischen Grad eines Diplomingenieurs. Von 1933 bis 1936 arbeitete er als erster Statiker und Objektführer bei der Humboldt-Deutz-Motoren-A.G. in Köln; danach leitete Beer als Oberingenieur die Projektabteilung von J. Gollnow & Sohn in Stettin bis Ende August 1940. Er wirkte an zahlreichen Stahlbauten mit: Flughafen Berlin-Tempelhof (Statiker), Ausstellungshalle an der Masurenallee in Berlin (erster Statiker der Gemeinschaftsbüros), Festhalle auf Rügen (Entwurfsleiter), Hängebrücke über die Elbe in Hamburg (Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Entwurfsbüros). 1937 wurde er an der Technischen Hochschule Graz mit der Dissertation „Festigkeits- und Stabilitätsuntersuchungen der Portale oben offener Brücken“ zum Dr. techn. promoviert und 1940 zum ao. Professor für Baustatik berufen. 1943 und 1944 publizierte Beer in „Junkers Berichte“ zur Festigkeit von Flugzeugen und in der Zeitschrift „Der Stahlbau“ zur „Stabilitätsuntersuchung der geknickten mittleren Portale von durchlaufenden Fachwerkbrücken mit Rhombenausfachung“ (1944). Nach Kriegsende engagierte er sich für die Weiterführung des Lehrbetriebs der Technischen Hochschule Graz und übernahm 1946 zusätzlich den vakanten Lehrstuhl für Stahlbrückenbau, den seit April 1944 sein Freund Konrad Sattler innegehabt hatte, der aber kaum ein Jahr später vom Unterrichtsministerium entlassen worden war. In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre veröffentlichte Beer bevorzugt in der „Österreichischen Bauzeitschrift“ zu Themen des Brückenbaus im Allgemeinen und des Hängebrückenbaus im Besonderen. Seinen ersten internationalen Auftritt bestritt er mit zwei Vorträgen auf dem III. Kongreß der Internationalen Vereinigung für Brücken- und Hochbau (IVBH) 1948 in Lüttich. Im Herbst jenes Jahres erreichte Beer seine Beurlaubung von der Technischen Hochschule Graz, um der im Oktober 1948 genehmigten Berufung auf den Lehrstuhl für Statik, Stahl- und Holzbau der argentinischen National-Universität Tucumán im April 1949 zu folgen. Seine Beurlaubung begründete er damit, dass er die Chance nicht ungenutzt lassen wolle, neue Erfahrungen zu sammeln, welche er dann an der Technischen Hochschule Graz nutzbringend anwenden könne. Die Universität Tucumán drängte ihn, seine Lehr- und Forschungstätigkeit auszudehnen, und stellte ihm bedeutende Mittel für Forschungsarbeiten und Laborversuche zur Verfügung; auch wurde er ersucht, an der Entwicklung von großen Bauvorhaben des Landes mitzuwirken und Studienreisen in Argentinien zu unternehmen. In Tucumán befasste sich Beer insbesondere mit Flächentragwerken; zudem hatte er 1950–52 die Schriftleitung der Zeitschrift „Técnica“ inne. Mit 1. Jänner 1953 übernahm er an der Technischen Hochschule Graz die Leitung des Lehrstuhls für Baustatik und Stahlbau, dessen Aufteilung 1955 mit der Berufung →Ernst Chwallas zum Professor für Baustatik besiegelt wurde, sodass Beer seinen Lehrstuhl nunmehr Lehrstuhl für Stahlbau, Holzbau und Flächentragwerke nennen durfte. Seine internationalen Kontakte entwickelte er erfolgreich weiter und arbeitete u. a. über Stabilität, Stahlleichtbau, Stahlbrückenbau, Flächentragwerke, orthotrope Platten, Trägerroste und Stahlverbundbau. Die Forschungsthemen entwickelte Beer organisch aus Beteiligungen an zahlreichen Projekten des Stahlbaus: 70.000-t-Schwimmdock in Skaramaga in Griechenland (Entwurfsberatung), Einrüstung des 8,5 km langen Brückenzugs über die Meerenge von Maracaibo in Venezuela (Gutachten), Europabrücke in Tirol (Entwurfsberatung und Prüfung), 1,3 km langer Brückenzug über den Brahmaputra in Indien (Gutachten), Flughafenanlage Innsbruck (Entwurfsberatung) und viele andere; dabei achtete er stets auf ein ausgewogenes Verhältnis von Konstruktion und Form. Als Präsident der österreichischen Gruppe der IVBH, Vorsitzender der IVBH-Kommission „Stahlbau“ und Vorsitzender der Arbeitskommission „Stabilitätsfälle“ der europäischen Stahlbaukonvention (heute: European Convention for Constructional Steelwork – ECCS) beeinflusste er den fachlichen Austausch in dieser Sparte grundlegend. Davon zeugen neben nahezu 100 Veröffentlichungen in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache auch seine Vorträge in Europa, Südamerika, Asien und Afrika. Obwohl Beer Rufe der Technischen Hochschulen Braunschweig (1954), Stuttgart (1955) und München (1960) erreichten, blieb er seiner Alma Mater treu. Dort wirkte er 1957–59 als Dekan der Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur, 1960–62 als Rektor magnificus und verantwortete als solcher 1961 die 150-Jahr-Feier der Technischen Hochschule Graz. Kurz darauf erhielt er auf der Generalversammlung der europäischen Stahlbaukonvention die Medaille d’honneur. Beer war Mitglied der Argentinischen sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (1960 korrespondierendes, 1972 wirkliches Mitglied). 1970 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Karlsruhe und den Ehrenring der Stadt Graz. Posthum gedachte das International Colloquium on Column Strength in Paris 1972 Beers ob seiner Verdienste um die Erarbeitung europäischer Richtlinien zur Stabilität von Stäben. Beer ist ein herausragender Vertreter der industrieförmigen Stahlbauwissenschaft in ihrer Innovationsphase (1950–75) und verschaffte nicht nur seinem Grazer Lehrstuhl, sondern auch dem österreichischen Stahlbau internationales Renommee.

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