Beirer Hans (Johann Bapt. Heinrich), Sänger. Geb. Wiener Neustadt (Niederösterreich), 23. 6. 1911; gest. Berlin (Deutschland), 24. 6. 1993; röm.-kath. Sohn von Maria Theresia Beirer, geb. Heissenberger (geb. Wiener Neustadt, 8. 4. 1885), und Dr. Rudolph Beirer (geb. Unterletzen, Tirol, 11. 2. 1871), Professor an der Landes-Oberrealschule in Wiener Neustadt; ab 1936 mit der Sopranistin Therese (Terry) Beirer, geb. Rothkopf (geb. Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, 9. 4. 1910; mos., ab 1934 röm.-kath.), verheiratet, die ihre eigene Karriere aufgab, um ihren Mann zu managen. – Nach der Matura schrieb sich Beirer 1929 an der Technischen Hochschule in Wien ein. 1930 holte er das Latinum und das philosophische Propädeutikum an der Universität Wien nach, an deren Philosophischer Fakultät er bis 1933/34 studierte. Ab 1930/31 belegte er v. a. Vorlesungen aus Chemie und einige aus Mathematik. Später wechselte er zu einem Gesangsstudium an die Wiener Musikakademie. Er debütierte 1936 am Landestheater Linz als Hans in der Oper „Die verkaufte Braut“ von →Bedřich Smetana. Während er später als der Wagner-Tenor schlechthin bekannt wurde, begann Beirer seine Karriere als lyrischer Tenor: Rodolfo in Giacomo Puccinis „La Bohème“, Graf Almaviva in Gioachino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“, Herzog in →Giuseppe Verdis „Rigoletto“, Turridu in Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ oder José in Georges Bizets „Carmen“ zählten zu seinen frühen Partien. Zu Beginn des 2. Weltkriegs wurde er für kurze Zeit in die Deutsche Wehrmacht eingezogen, konnte bald aber seine Karriere in Berlin am Theater am Nollendorfplatz fortsetzen. 1943 debütierte er am Deutschen Opernhaus Berlin als Nando in „Tiefland“ von Eugène d’Albert und erhielt ein dauerhaftes Engagement. Nach Kriegsende wechselte Beirer ins Heldentenor-Fach. 1948 sang er in der Uraufführung von Werner Egks Oper „Circe“ unter der Leitung des Komponisten an der Berliner Städtischen Oper den Ulyß, den er laut Kritik als „strahlenden Liebhaber“ gestaltete. Beirers erste Rolle in einer Oper Richard Wagners war die Titelrolle in „Tannhäuser“ an der Mailänder Scala 1950/51. 1951 sang er erstmals den Parsifal und 1952 den Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg“, beides unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler. Beirers Repertoire konzentrierte sich auf die großen Tenorrollen der Opern Wagners und den Florestan in →Ludwig van Beethovens „Fidelio“, doch trat er auch als Radames in Verdis „Aida“, Vasco da Gama in Giacomo Meyerbeers „Die Afrikanerin“, Samson in Camille Saint-Saëns’ „Samson et Dalila“ und als Alfred in →Johann Strauß’ (Sohn) „Die Fledermaus“ auf. Seine Lieblingsrolle war der Otello in Verdis gleichnamiger Oper. An der Wiener Staatsoper debütierte Beirer am 15. März 1949 in einer einzigen Aufführung von „Carmen“ als Don José. Im November 1955 folgte der Walther in „Die Meistersinger von Nürnberg“. Erst ab 1960 war Beirer regelmäßig im Haus am Ring zu erleben – und das an 444 Abenden. Noch nach Vollendung seines 60. Lebensjahres sang er den Tristan und bis 1981 den Siegfried in Wagners gleichnamiger Oper. 1986 trat er in Wien zu seinem 75. Geburtstag als Herodes in →Richard Strauss’ „Salome“ auf, eine Rolle, die er an der Staatsoper insgesamt 78-mal gestaltet hatte. Seinen Bühnenabschied nahm er dort am 24. Februar 1987 mit dem Ägisth in Strauss’ „Elektra“. Damit gilt Beirer als längstdienender Heldentenor der Opernwelt. Legendär war sein unverwüstliches Durchhaltevermögen: So stand er 1981, knapp 70-jährig, eine Aufführung der „Götterdämmerung“ in Berlin durch, obwohl er sich bei einem Sturz im ersten Akt drei Rippen gebrochen hatte. Ebenso legendär waren seine falschen Einsätze. Erstmals geriet er damit 1966 in die Schlagzeilen, als er in Berlin in einer Galaaufführung des „Fidelio“ unter Lorin Maazel falsch einsetzte. Es folgte ein von der Presse zelebriertes Zerwürfnis zwischen Beirer und dem Dirigenten. Als Maazel in Wien 1982 als Staatsoperndirektor antrat, gab es für Beirer keine weiteren Engagements. Nach der vermeintlichen Abschiedsvorstellung trat er vor den Vorhang und reimte: „Direktoren sah ich kommen und gehen, / doch Hänschen Beirer bleibt bestehen.“ Er behielt recht: Maazel demissionierte 1984 und Beirer kehrte an die Staatsoper zurück. Das zweite Mal geriet Beirer in die Schlagzeilen, als er 1976 in Wien im dritten Akt der „Götterdämmerung“ einen Einsatz verpasste, worauf ihm der Dirigent Horst Stein vom Pult aus laut vorsang. Abermals folgte ein Disput in den Zeitungen, an dem Beirer selbst teilnahm. Überhaupt positionierte er sich mit seiner Schlagfertigkeit und seinen unverblümten Aussagen als der Sänger – und auch Liebling – des breiten Publikums. Dennoch hatte Beirer wenig Glück mit regulären Studio-Aufnahmen. Er selbst witterte Intrigen, doch dürften es seine branchenbekannten Schmisse gewesen sein, die die Schallplattengesellschaften zurückschrecken ließen. Beirer zeigte nie großes Interesse an den Opern zeitgenössischer Komponisten. Wenn er in ihnen auftrat, glänzte er mit pointierten Charakterzeichnungen, etwa als Zirkusdirektor Amintore La Rocca in Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ an der Wiener Staatsoper 1978/79. Seine Darstellung des Bürgermeisters in „Der Besuch der alten Dame“ (erstmals 1971, letztmals 1985) begeisterte deren Komponisten Gottfried von Einem dermaßen, dass er ihm die Rolle des Präsidenten von Walter in „Kabale und Liebe“ (1976/77) auf Stimme und Leib komponierte. In seiner Freizeit malte und aquarellierte Beirer. Zudem sammelte er Märchen. 1976 gab er den Band „Siegfrieds Wunderhorn erzählt Märchen“ mit seinen eigenen Illustrationen heraus. Seinen Lebensabend verbrachte er in Berlin. Beirer wurde mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (1973), dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (1981) und der Wiener Ehrenmedaille in Gold (1987) ausgezeichnet.

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