Berger Hanna, geb. Hochleitner, Tänzerin, Pädagogin und Choreografin. Geb. Wien, 23. 8. 1910; gest. Berlin, Deutsche Demokratische Republik (Deutschland), 15. 1. 1962 (Ehrengrab: Friedhof Meidling, Wien); röm.-kath. Tochter von Maria Hochleitner-Köllchen (geb. Wien, 2. 10. 1889; gest. Wien, 7. 6. 1964) und Eduard Wolfram (geb. Wien, 1. 10. 1886; gest. 26. 11. 1973), Adoptivtochter (ab 1918) von Wilhelm Köllchen (geb. Wien, 24. 4. 1891; gest. Wien, 19. 10. 1967); ab 1926 mit Leopold Berger (geb. Wien, 29. 9. 1888; gest. Wien, 25. 10. 1950) verheiratet (Trennung 1927; Scheidung 1943), ca. 1931–49/50 Partnerin des Bildhauers Fritz Cremer (geb. Arnsberg, Deutsches Reich/Deutschland, 22. 10. 1906; gest. Berlin, 1. 9. 1993) und ab ca. 1952 des Komponisten Paul Kont (geb. Wien, 19. 8. 1920; gest. Wien, 26. 12. 2000). – Berger wurde in eine Arbeiterfamilie geboren. Nach einer ungünstigen Erfahrung mit dem klassischen Ballett-Training wandte sie sich ab 1924 dem Klavierstudium zu, ehe sie nach Deutschland ging, um von 1929 bis 1934 modernen Tanz zunächst bei Jonny Ahemm und Vera Skoronel, dann bei Mary Wigman und ab 1936 an den Deutschen Meisterstätten in Berlin zu studieren. Sie tanzte in den Ensembles von Wigman (1934/35) und Trudi Schoop (1935/36). Die kritische Künstlerin war an den „realen Inhalten“ (Berger) des Lebens interessiert. Diese Haltung bewirkte, dass sie unmittelbar nach ihrem ersten elfteiligen Solo-Auftritt 1937 in Berlin aus Deutschland flüchten musste, da sie es gewagt hatte, in der NS-Diktatur ihr Solo „Krieger“ nicht heroisch, sondern realistisch darzustellen. Am 1. Dezember 1937 gab sie mit demselben Programm in der Wiener Urania ihr Österreich-Debüt. Berger durchlief eine von politischem Engagement bestimmte Karriere einer modernen Frau, Tänzerin, Choreografin und Pädagogin. Ihre Unerschrockenheit und Risikobereitschaft sowie ihr unerbittlicher Einsatz für soziale Gerechtigkeit ließen die überzeugte Kommunistin (Parteieintritt 1927/28) und Antifaschistin die mehrmonatige Inhaftierung in Berlin im nationalsozialistischen Deutschland 1943 wegen Verdachts zur Vorbereitung des Hochverrats überstehen. Ihre Verbindung mit dem Bildhauer Fritz Cremer war in den 1930er- und 1940er-Jahren prägend, gemeinsam waren sie im Widerstand der Harro Schulze-Boysen-Gruppe tätig. An der Unmöglichkeit, in ihrer Heimatstadt, die ihr Hauptwohnsitz geblieben war, oder doch in der DDR glücklich sesshaft werden zu können, schien sie zu zerbrechen. Ihre politische Überzeugung stand ihr im Nachkriegs-Wien im Weg, für die DDR war ihre künstlerische Auffassung zu individuell. Sie blieb eine rastlos Reisende zwischen Wien und Berlin-Ost, Italien und Frankreich. Als Berger nach dem 2. Weltkrieg in Wien von 1945 bis 1952 eine Anstellung als Lehrende für „Moderne Tanzform“ (Tänzerische Komposition und Formenlehre) an der Tanzabteilung der Akademie für Musik und darstellende Kunst unter der Leitung von Grete Wiesenthal erhielt, offenbarte sich eine undogmatische Pädagogin, die keine Grenzen zwischen den unterschiedlichen modernen Bewegungssystemen kannte. Für ihre eigenen Werke nutzte sie vorrangig das Laban-Wigman’sche Bewegungs- und Raumspektrum. In der tänzerischen Gestaltung ging es Berger um die Übersetzung von Stimmungen und Zuständen, ob es nun Einwirkungen von außen waren, aus der Natur, aus der sozialen Realität oder Gemütsverfassungen. Berger arbeitete an einem eigenen Notations-System. Als erste Tanzreferentin der Kulturabteilung der Stadt Wien nach dem 2. Weltkrieg setzte sie sich für die Etablierung des modernen Tanzes ein; eine Tanzbühne und ein Tanzfilmmuseum konnten damals nicht realisiert werden. Nach der mehrjährigen Leitung des „Wiener Kindertheaters“ (ab 1944/45) gründete sie 1954 in Wien mit dem Komponisten Paul Kont ihre Kammertanzgruppe. Bis zuletzt suchte sie nach neuen Ausdrucksformen und lernte 1959 Pantomime bei Marcel Marceau in Paris. Berger schrieb zudem Filmdrehbücher und studierte von 1955 bis 1957 Filmregie in Wien an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Bereits 1950 hatte die seit 1938 auch in Italien tätige Berger die Choreografie im römischen Spielfilm „Il sigillo rosso“ von Flavio Calzavara übernommen und trat darin selbst mit Ensemble auf, ebenso zeichnete sie sechs Jahre später in Walter Felsensteins Wiener „Fidelio“-Verfilmung für die Bewegungsregie verantwortlich. Die erste Live-Tanz-Übertragung des österreichischen Fernsehens galt 1956 Berger und ihrem Ensemble. Für die ostdeutsche Produktionsstätte DEFA arbeitete sie 1961, bereits von ihrer Krebserkrankung gezeichnet, an einem „Dornröschen“-Film. Leben und Werk werden seit 1995 wieder diskutiert, als die ehemalige Tänzerin und Schülerin Bergers, Ottilie Mitterhuber, Bergers Solo „L’Inconnue de la Seine“ (1942, Musik: Debussy) mit Esther Koller einstudierte. Anlass dafür war die Produktion „Tänze der Verfemten“ von Esther Linley, die für die „Antifaschistischen Tage“ in Linz entstand. 2000 folgte das rekonstruierte Berger-Solo „Mimose“, gleichfalls mit Koller. Die Kuratorin Andrea Amort lud 2006 Choreografinnen und Choreografen mit Beiträgen zur Produktion „Hanna Berger: Retouchings“ im Festspielhaus St. Pölten ein. Das Programm wurde international gezeigt, darunter in Washington, D.C., und eröffnete 2008 das von Amort geleitete Wiener Festival „Berührungen. Tanz vor 1938 – Tanz von heute“ im Wiener Odeon. 2019 nahm Eva-Maria Schaller das Solo „L’Inconnue de la Seine“ in ihr Repertoire auf und brachte ein weiteres Berger-Solo, das auf einem Filmfragment erhalten ist, zurück auf die Bühne: „Aufruf“ (auch „Kampfruf“, 1944). 2021 gestaltete Schaller das Programm „Recalling her dance – a choreographic encounter with Hanna Berger“. Aus heutiger Sicht zählt Berger zu den österreichischen Größen der Wiener Tanzmoderne. Sie wurde 1959 mit dem Förderpreis des Wiener Kunstfonds der Zentralsparkasse ausgezeichnet.

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