Berger, Joe; eigentlich Alfred Laurenz (1939–1991), Schriftsteller, Schauspieler und Journalist

Berger Joe, eigentlich Alfred Laurenz, Schriftsteller, Schauspieler und Journalist. Geb. Kaltenleutgeben (Niederösterreich), 22. 10. 1939; gest. Wien, 30. 5. 1991. Sohn des Buchhalters Laurenz Berger und von Stephanie Berger; 1978 Heirat mit Sara Berger, geb. Suranyi (geb. Wien, 28. 8. 1960). – In den Kriegsjahren wurde Berger mit seiner älteren Schwester nach Raisenmarkt in Niederösterreich landverschickt. Später besuchte er die Höhere Technische Lehranstalt für chemische Industrie in Wien-Hernals. Nach der Matura 1958 arbeitete er als Chemiker in der Lackfabrik Steppan & Co. Im selben Jahr verfasste er seinen ersten und einzigen Roman „Das Narrengericht“, der 1994 in dem von Georg Biron herausgegebenen „Joe Berger Lesebuch“ erstmals publiziert wurde. Anfang der 1960er-Jahre lernte er Konrad Bayer und H. C. Artmann kennen und kam mit dem Wiener Aktionismus in Berührung. 1962 erfolgte eine Zusammenarbeit mit Bayer. Im „Experiment am Liechtenwerd“ wurden 1962 drei Einakter aufgeführt: Audibertis „Die Frauen des Ochsen“, Artmanns „la cocodrilla“ und Bayers „der berg“. 1963 kündigte Berger in der Lackfabrik und arbeitete fortan als freischaffender Schriftsteller. 1965 gründete er zusammen mit Toni Dusek die „Arbeitsgruppe Bauernschnapsen“. Ihre Aktionen waren ironisch, absurd und stets politisch geprägt. Am 8. Juni 1967 fand die bekannteste Aktion „Mausi – Mausi“ statt. 1968 wurde die „Arbeitsgruppe Bauernschnapsen“ internationalisiert und in „first vienna working group : motion“ überführt. Zur Gruppe gehörten Wolfgang Bauer, Reinhard Priessnitz, der Arbeiterdichter Otto Kobalek, Toni Dusek sowie Gunter Falk. Zu den Produktionen zählten: „HUNGER : BIAFRA“ sowie „Waldeck : Diskussion“, aufgeführt 1969 beim Burg-Waldeck-Festival in Deutschland. Die Gruppe wurde zu internationalen Theaterfestivals eingeladen, wie etwa 1971 zum „Incontroazione“ auf Sizilien. Nach der letzten Aktion, dem fingierten Theaterstück „PERSEPOLIS : ZELTELN“, das 1972 in der Secession gegeben wurde, löste sich die Gruppe auf, wurde allerdings 1976 wieder aktiv: Bauer und Berger traten beim Steirischen Herbst mit dem Projekt „Zirkus Speisesoda oder die größte Poesie des Universums“ auf. Berger hatte einen alten Zirkus mit Hundeballett, einem Schimpansen und einem Bären günstig erworben und fuhr damit nach Graz. Der Maler Franz Ringel gestaltete das Plakat und Priessnitz verfasste Gedichte für den Auftritt. Die Aktion verstand sich als Parodie auf die Fernsehshows der Zeit, die mit Südseeflair geboten wurden. Was Spiel und scheinbar komisch war, verstand sich als Parodie der Wirklichkeit. Ab den 1970er-Jahren trat Berger auch vermehrt als Schauspieler in Erscheinung, 1972 spielte er die Titelrolle in Georg Danzers Musikvideo „Der Tschik“, 1975 war er in Axel Cortis und Michael Scharangs „Totstellen“, in Ernst Schmidt jun. „Wienfilm 1896–1976“, 1980 in Franz Novotnys „Exit … nur keine Panik“ zu sehen, ab den 1980er-Jahren trat er in der „Gruppe 80“ auf. Berger publizierte auch Kurzprosa in zahlreichen Literaturzeitschriften, etwa in „Freibord“, „Wespennest“, „Protokolle“. 1977 veröffentlichte er die Sammlung „Märchen für Konsumkinder“, 1980 „Ironische Zettel“, 1984 erschien die Textsammlung „Plädoyer für den Alkohol. Eine Schnurre in acht Vierteln“ (die dramatisierte Fassung wurde 1990 im Theater beim Auersperg uraufgeführt, sein Stück „Traumziele“ im selben Jahr bei den Wiener Festwochen), 1990 „Märchen für die Satten und Irren“ und posthum 2009 „Hirnhäusl“. Berger arbeitete auch journalistisch: 1983–86 war er Redaktionsmitglied des „M Magazins“, er publizierte zudem in der Zeitschrift „Wiener“. Berger war Mitglied der Grazer Autorenversammlung.

Weitere W.: Zehn extraordinaire photographische Abbildungen von Nikolaus Walter. Mit Text von J. Berger, 1973; G’fährlicher Traam, 1994 (gemeinsam mit E. Kölz); Von Bestsellern und riesengroßen Brüsten. Die Märchen, ed. Th. Antonic, 2012.
L.: „Denken Sie!“ Interdisziplinäre Studien zum Werk Joe Bergers, ed. J. Danielczyk – Th. Antonic, 2010.
(Julia Danielczyk)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)