Beth, Karl (Carl, Karl Ernst Hermann) (1872–1959), Theologe

Beth Karl (Carl, Karl Ernst Hermann), Theologe. Geb. Förderstedt, Deutsches Reich (Deutschland), 12. 2. 1872; gest. Chicago, Illinois (USA), 9. 9. 1959; evang. AB. Sohn von Karl Beth und Friederike Eleonore Ernestine Beth, geb. Bech, Vater des Physikprofessors an der State University of New York (Buffalo) Erich Beth (1912−2006) sowie der New Yorker Anwältin Eleonore Marie Ingeborg (Nora) Beth (1916−1991); ab 1911 verheiratet mit →Marianne Beth (1938 Trennung von Tisch und Bett). – Beth wuchs in Stendal (Altmark) auf, wo sein Vater zum Rektor des Gymnasiums aufrückte. Das Studium der Theologie und Philosophie führte ihn nach Tübingen und 1892 nach Berlin. Dort beeinflussten ihn der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack, der Religionsphilosoph Otto Pfleiderer und der Philosoph Wilhelm Dilthey, als dessen „Famulus“ Beth durch eine Reihe von Jahren wirkte und durch den er zur Religionspsychologie geführt wurde. Nach dem im Dezember 1895 abgelegten Examen pro candidatura wurde er 1897 mit der Schrift „Der Grundgedanke in Schleiermachers Christologie“ zum Lic. theol. promoviert, 1898 mit dem Werk „Die Grundanschauungen Schleiermachers in seinem ersten Entwurf der philosophischen Sittenlehre“ zum Dr. phil. Im Juli 1900 erfolgte das Examen pro ministerio, im März des Folgejahres die Habilitation. Seine Antrittsvorlesung als Berliner Dozent Anfang Februar 1901 behandelte „Die Bedeutung der allgemeinen Religionsgeschichte für die Erforschung des Wesens des Christentums“. Darin deutet sich sein wissenschaftlicher Schwerpunkt an, nämlich der Vergleich des Christentums mit anderen Weltreligionen, wobei religionsgeschichtliche und psychologische Fragen in den Vordergrund rücken. Das Schleiermacherʼsche Reisestipendium ermöglichte ihm Feldstudien im östlichen Mittelmeerraum, die er in „Die orientalische Christenheit der Mittelmeerländer“ (1902) auswertete – die erste Publikation eines Protestanten, welche der Ostkirche in ihrer Eigenart gerecht wird und ihn für das ökumenische Gespräch besonders qualifizierte. Seine einschlägigen Beiträge im Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart“ (RGG) belegen dies. Der Streit um Darwinismus und Deszendenztheorie, verschärft durch Ernst Haeckels „Welträtsel“, forderte ihn heraus. Seine Antwort auf diesen „Anstoß zur Entchristianisierung“ lag in einer modernitätskonformen Theologie, die Beth im Anschluss an Reinhold Seeberg entfaltete. Mit Hilfe des „Entwicklungsgedankens“ („Der Entwicklungsgedanke und das Christentum“, 1909) trachtete er, dogmatisch-normative Glaubensüberlieferungen zu überwinden. So war es ihm möglich, in der Evolution keinen „Ruin des Christentums“ zu erblicken („Die Moderne und die Prinzipien der Theologie“, 1907). In der Zwischenzeit war er 1906 als ao. Professor nach Wien berufen worden, Anfang Mai 1908 wurde er zum Ordinarius für Systematische Theologie an der selbstständigen Evangelisch-Theologischen Fakultät ernannt und hatte nicht nur Dogmatik und Apologetik, sondern auch Religionsphilosophie, Religionspsychologie, vergleichende Religionswissenschaft, Symbolik, Ökumenik und Ethik zu lehren. Eine 1913 beantragte Umhabilitierung für Religionsphilosophie und Religionsgeschichte an der Philosophischen Fakultät wurde nicht weiter verfolgt. Sie zeigt gleichwohl sein brennendes Interesse, Religion nicht nur Theologiestudierenden nahe zu bringen – und dies im Dialog mit der Moderne und in methodischer Annäherung an naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse. Die Religionspsychologie rückte schon deshalb in den Vordergrund, weil Beth gemeinsam mit seiner Frau Marianne 1922 ein einschlägiges Forschungsinstitut aufbaute und 1928 die Herausgabe der „Zeitschrift für Religionspsychologie“ in Angriff nahm. Als erster Theologe setzte er sich kritisch mit →Sigmund Freud auseinander. Als Präsident der Internationalen Religionspsychologischen Gesellschaft veranstaltete er 1931 einen Fachkongress zum Thema „Psychologie des Unglaubens“, bei dem Bundeskanzler →Ignaz Seipel den Eröffnungsvortrag hielt. Eine andere Frucht der Moderne war das ökumenische Gespräch. Seit Beginn (1919) war Beth Mitglied des Weltbunds für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und nahm an den Kongressen in Beatenberg (1920), Kopenhagen (1922), Stockholm (1925) und Graz (1930) teil. In den Studienjahren 1908/09, 1915/16, 1921/22, 1927/28, 1933/34 und 1937/38 (bis 16. März 1938) leitete Beth die Wiener Fakultät als Dekan. 1937/38 hielt er die vom katholischen Ständestaat eingeführte Pflichtvorlesung über weltanschauliche Bildung und stand als Mitglied der Vaterländischen Front dem Ständestaat im Unterschied zu den meisten seiner Fakultätskollegen positiv gegenüber. Mit einem Ende April 1938 erfolgten Erlass wurde Beth deshalb und wegen seiner Ehe mit einer Judenchristin in den dauernden Ruhestand versetzt, doch erkannte man ihm schon mit Ende März 1939 den Ruhestandsbezug ab, sodass er sich genötigt sah, im April desselben Jahres seiner in die USA emigrierten Familie zu folgen. An der Universität von Chicago fand er eine neue Wirkungsstätte. Ab 1941 lehrte er zudem an einem theologischen Seminar der Unitarischen Kirche. Der weitere Kontakt mit der Wiener Fakultät dokumentiert eine tiefe Anhänglichkeit, die sich auch in Lebensmittelsendungen in das hungernde Wien der Nachkriegszeit ausdrückte. Die Fakultät bedankte sich durch Interventionen zu seinen Gunsten, als es galt, die Pensionsrechte zu wahren, die ihm durch seine Exilierung entzogen worden waren, sowie zuletzt durch ein „Tor der Erinnerung“ im Universitätscampus, das den Namen Beths trägt. Beth war ab 1912 korrespondierendes Mitglied der griechischen Syllogos-Gesellschaft und gehörte ab 1919 der Österreichischen Völkerbundliga sowie ab 1921 dem Präsidium der Internationalen Hochschulkurse Wien an. Hofrat (1921) Beth erhielt 1908 ein theologisches Ehrendoktorat der Universität Berlin und 1918 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse. Er war weiters Träger des Kommandeurkreuzes von Abessinien.

Weitere W.: Giordano Bruno und das neue Jahrhundert, 1903; Das Wesen des Christentums und die moderne historische Denkweise, 1904; Die Wunder Jesu, 1906, 2. Aufl. 1914; Die Moderne und die Prinzipien der Theologie, 1907; Das Wunder, 1907; Entwicklungsgedanke und Christentum, 1909; Urmensch, Welt und Gott, 1909; Hat Jesus gelebt?, 1910; Religion und Medizin bei den Naturvölkern, 1911; The Miracles of Jesus, 1912; Die Entwicklung des Christentums zur Universal-Religion, 1913; Religion und Magie bei den Naturvölkern. Ein religionsgeschichtlicher Beitrag zur psychologischen Grundlegung der religiösen Prinzipienlehre, 1914, 2. Aufl. 1926; Einführung in die vergleichende Religionsgeschichte, 1921; Frömmigkeit der Mystik und des Glaubens, 1927; Die Krise des Protestantismus, 1932; Selbstdarstellung, in: Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen 2, ed. E. Stange, 1926.
L.: J. Bohatec, in: Die Evangelische Kirche in Österreich, ed. F. Siegmund-Schultze, 1935, S. 61ff.; E. Schneider, in: Theologische Literaturzeitung 78, 1953, Sp. 695ff.; I. Tschank, Karl Beth – Auf dem Weg von der modern-positiven zur religionsgeschichtlichen Theologie, evang.-theol. DA Wien, 1994; I. Tschank, in: Gott und die Moderne. Theologisches Denken im Anschluss an Falk Wagner, ed. I. Tschank u. a., 1994, S. 116ff.; K. W. Schwarz, in: Historie und Geist, ed. A. Ebenbauer, 1998, S. 165f.; S. Heine, Grundlagen der Religionspsychologie, 2005, s. Reg.; I. Noth, in: Wiener Jahrbuch für Theologie 7, 2008, S. 313ff.; K. W. Schwarz, „Wie verzerrt ist nun alles!“ Die Evangelisch-Theologische Fakultät in Wien in der NS-Ära, 2021, s. Reg.; Marianne Beth. Ein brüchiges Leben in Briefen aus Wien und dem amerikanischen Exil, ed. D. Goltschnigg, 2021; S. Heine, in: Marianne Beth. Frauenrechtlerin, Friedensaktivistin und Universalgelehrte. Texte und Kontexte, Analysen und Kommentare, ed. D. Goltschnigg, 2022, S. 153ff.; ÖStA Wien / AVA BMU Zl. 5130 – III/12a – B/55. O. Prof. i.R. HR Beth – ao. Versorgungsgenuss.
(Karl W. Schwarz)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)