Biljan-Bilger (Bilger, Bilger-Biljan, Bilger-Perz, Kurrent), Maria Aloisia (Irma); geb. Biljan (1912–1997), Keramikerin und Bildhauerin

Biljan-Bilger (Bilger, Bilger-Biljan, Bilger-Perz, Kurrent) Maria Aloisia (Irma), geb. Biljan, Keramikerin und Bildhauerin. Geb. Radstadt (Salzburg), 21. 1. 1912; gest. München (Deutschland), 1. 5. 1997 (begraben: Sommerein, Niederösterreich); bis 1934 röm.-kath. Tochter von Maria Biljan, geb. Sulzer (geb. St. Paul im Lavanttal, Kärnten, 26. 7. 1874; gest. Wien, 19. 2. 1965), Köchin, und Daniel Biljan (geb. Gospić, Kroatien, 30. 12. 1873 oder 31. 12. 1875; gest. Graz, Steiermark, 13. 1. 1942), Hafnermeister, Schwester von Gabriele Maria Biljan, genannt Elly, verheiratete Palm (geb. Pettau, Steiermark / Ptuj, Slowenien, 9. 3. 1905; gest. Wien, 2. 4. 1990), Schwägerin von →Margret Bilger; 1933–47 mit dem Maler und Chemiker Ferdinand Bilger (1903–1961), 1957–63 mit dem Bildhauer Johannes Peter Perz (1926–1989) sowie ab 1985 mit dem Architekten Friedrich Kurrent (1931–2022) verheiratet. – Biljan-Bilger besuchte 1927–31 die Kunstgewerbeschule in Graz. Auf Anraten ihres Vaters arbeitete sie um 1931 als Volontärin in der Tonöfen- und Tonwarenfabrik Bernhard Erndt GesmbH in Klein-Pöchlarn, in der Folge auch in der Werkstatt ihres Vaters in Graz. 1938 flüchtete Biljan-Bilger, die sich politisch engagiert hatte (die Wohnung der Bilgers war Treffpunkt linker Intellektueller) nach Wien. Zunächst Hilfsarbeiterin in einem kleinen Keramikbetrieb in Wien-Neubau, wurde sie von Heinz Leinfellner unterstützt und konnte in seinem Prateratelier ebenfalls eigene Keramikobjekte fertigen und brennen. Nach Kriegsende ermöglichte ihr die Mitgliedschaft in der Österreichischen Sektion des Internationalen Art Clubs, Wien (die sie 1947 als einzige Frau mitbegründet hatte), nationale und internationale Ausstellungsbeteiligungen, wo sie mit ihren Werken große Beachtung fand und Preise erhielt. 1952 hatte sie ihre erste Personale im Strohkoffer, der Galerie des Art Clubs, in Wien. Der größte Auftraggeber für die Künstlerin war jedoch die Gemeinde Wien mit der Förderung von Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. So entstanden großformatige Werke wie eine Brunnenschale mit drei Seelöwen aus Kunststein mit Mosaik und Bronzeplastiken (1950/51, Wien 16), drei Reliefs für die Wohnhausanlage Veitingergasse (1953, Wien 13), eine Terracotta-Reliefwand an der Volksschule Prückelmeyrgasse (1953, Wien 23), Grafiken und Mosaikbilder für das Wetterhäuschen im Wiener Rathauspark (1955), das Sandsteinrelief „Schlafende“ (1956, Wien 16), die Bronze „Katzenfamilie“ vor der Volksschule Tomaschekstraße (1957, Wien 21), aber auch ein 30 Meter langer, raumhoher Mäander im Nordfoyer sowie die Wandgestaltung für das temporäre Eröffnungsbuffet der Wiener Stadthalle (1957/58), eine farbige Sandsteinwand für den Flughafen Wien-Schwechat und bemalte Sperrholzplatten als Wandgestaltung für das Flughafen-Restaurant (1959/60). Für die „Stadt des Kindes“ in Wien-Weidlingau gestaltete sie vier Holzbottich-Spielhäuser und die Bronzeplastik „Mutter mit Kindern“ (1973/74). 1961 beteiligte sich Biljan-Bilger am 3. Internationalen Bildhauer-Symposium im Steinbruch von St. Margarethen im Burgenland und leitete 1970–80 selbst dieses Symposium. Unter ihrer Ägide wurde auf dem Gelände ein Brennofen für großformatige Keramikarbeiten errichtet (1979–82). Außerdem nahm sie an internationalen Bildhauersymposien im schwäbischen Oggelshausen (1969), in Labin in Istrien (1971) und Tivoli bei Rom (1972) teil. In den 1960er-Jahren erfolgte der Umbau einer baufälligen ehemaligen Kapelle in Sommerein am Leithagebirge zu ihrem Wohnhaus und Atelier. Als der U-Bahn-Bau in Wien 1973 eine Neugestaltung des Stephansplatzes bedingte, arbeiteten Bildhauer, unter ihnen Biljan-Bilger, fast drei Jahre an Konzepten und Plänen, die jedoch von der Gemeinde Wien nie umgesetzt wurden. Zwischen 1978 und 1982 lehrte sie als Gastprofessorin für Keramik und Glas an der damaligen Hochschule für angewandte Kunst in Wien. 1987 erschien auf Drängen Friedrich Kurrents ein erstes Buch über ihr Lebenswerk, „Maria Biljan-Bilger. Keramik – Plastik – Textil“. Erlebnisse, Erfahrungen und Anschauungen aus den mit ihm unternommenen Studienreisen u. a. in die Länder des Mittelmeerraums und nach Arabien flossen in ihr Werk ein. Biljan-Bilger weigerte sich beständig, für den Kunstmarkt und den Kunsthandel zu arbeiteten. Sie wollte sich in keine bestimmte Richtung zwängen lassen, um präsent zu sein, was jedoch zur Folge hatte, dass sie und ihr Werk in Vergessenheit gerieten. Ankäufe diverser Werke erfolgten durch die Gemeinde Wien, die Republik Österreich, das Niederösterreichische Landesmuseum wie auch von privaten Sammlern. Ab Mitte der 1990er-Jahre plante und erbaute Kurrent eine Ausstellungshalle für das Œuvre seiner Frau (Eröffnung 2004), die seit seinem Tod vom Verein der Freunde der Maria Biljan-Bilger Ausstellungshalle Sommerein erhalten und betrieben wird. Biljan-Bilger war 1965 Gründungs- und 1965–68 Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur in Wien, der sie bis an ihr Lebensende angehörte. Ausgezeichnet wurde sie mit der Goldenen Medaille für keramische Gefäße auf der Triennale in Mailand (1954), dem Preis der Stadt Wien für Bildhauerei (1956), der Silbernen Medaille der Triennale in Mailand (1957), der Goldmedaille der Exposition Internationale de la Céramique in Ostende (1959), dem Würdigungspreis für bildende Kunst des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst (1973), dem Burgenländischen Kulturpreis (1982), dem Silbernen Ehrenzeichen der Stadt Wien (1982), dem polnischen Orden Mérite culturel (1986) sowie dem Kulturpreis für bildende Kunst des Landes Niederösterreich (1992).

Weitere W. (s. auch Maria Biljan-Bilger. Leben und Werk, 2012): Bemalte Holzpaneele Jugendzentrum Gestettengasse, 1959 (Wien 3); bemalte Sandsteinreliefwand, sechs Pflanzgefäße, Gobelin, 1962/63 (Restaurant Bellevue, Wienerwald); Mosaikwand, Mosaik-Blumengefäße, Sandstein-Brunnen, 1964 (EKAZENT, Wien 13); bemalter Altar, 1965 (Kapelle Kinderdorf Hinterbrühl); vier Spielhäuser, Bodengestaltung des Planschbeckens, 1976 (Freigelände Hallenbad Wien 21); Reliefwand Pablo-Neruda-Hof, 1980 (Wien 18). – Gobelins: Geburt meines Kindes, 1950/51; Venedig, 1951; Exotische Pflanzen auf dem Transport, 1953 (MAK); Fellwandbehang, 1956 (Sommerein); Tour de France, 1956/57 (Sommerein); Paravent, 1957 (Artothek des Bundes); Altes und neues Wien, 1956/57 (Kunstforum Bank Austria); Gobelin, 1961 (Bowlinghalle der Stadthalle Wien); Weltenrad, 1961 (Kunstforum Bank Austria). – Holzspielzeug KRI-KRI Phantomobile, 1958/59 (hergestellt von der Firma Wilkhan); Glasfenster, 1963 (Exerzitienhaus St. Gabriel, Mödling); vier Farbglasfenster, 1972/73 (Totenkapelle Sommerein); Deckenmalerei, 1991 (Klement-Bergkapelle Ramingstein).
L.: Die Wahrheit, 10., Tagespost (Graz), 16. 7. 1948; AKL; Wegleitungen des Kunstgewerbemuseums der Stadt Zürich Nr. 172, 1946 (Kat.); Plan. Kunst, Literatur, Kultur 2, 1947, S. 121; Domus 271, 1952, S. 42f.; The Diplomat’s and Manager’s Magazine, 1979, H. 1, S. 30ff., H. 2, S. 22ff.; K. Schiffer, Über die Brücke. Der Weg eines linken Sozialisten ins Schweizer Exil, 1988, S. 114f. (mit Bildern); Skulpturenfeld Oggelshausen, ed. A. Dangel – H.-P. Reiter, 1990; Moderne in dunkler Zeit. Widerstand, Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933–1945, ed. P. Weibel – G. Eisenhut, Graz 2001 (Kat.); F. J. Schober, in: Blätter für Heimatkunde 77, 2003, H. 2, S. 49ff. (mit Bildern); Mythos Art Club. Der Aufbruch nach 1945, Krems 2003 (Kat.); Maria Biljan-Bilger, Sommerein 2007 (Kat.); U. Sonnleitner, Widerstand gegen den „(Austro-)Faschismus“ in der Steiermark 1933–1938, phil. Diss. Graz, 2009; Maria Biljan-Bilger und ihre Meisterklasse an der Angewandten in Wien, Sommerein 2009 (Kat.); F. Kurrent – E. Rubin, Roland Rainer & Maria Biljan-Bilger, Sommerein 2010 (Kat.); Maria Biljan-Bilger. Leben und Werk, 2012; Maria Biljan-Bilger und Kunst im öffentlichen Raum, ed. M. Kohler-Heilingsetzer – S. Heilingsetzer, 2015; maria-biljan-bilger.at (mit Bildern, Zugriff 19. 11. 2023); WStLA / historische Meldeunterlagen; WStLA / Magistratsabteilung 18: Städtebauliche Studie über die Gestaltung Stephansplatz–Graben im Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahn und ihren Zugängen; Pfarre Radstadt, Salzburg; Steiermärkisches Landesarchiv Graz; Stadtarchiv Graz / Melderegister, Biljan: Daniel Biljan (auch: Bilian), Heimatrecht Daniel Biljan; Höhere technische Bundeslehr- und Versuchsanstalt (HTBLVA) Graz, auch: „Kunstgewerbeschule / Graz-Ortweinschule“, Archiv; Bibliothek Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum.
(Alice Reininger)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)