Billinger Richard, Schriftsteller. Geb. St. Marienkirchen bei Schärding (Oberösterreich), 20. 7. 1890; gest. Linz (Oberösterreich), 7. 6. 1965; röm.-kath. Als Sohn der Dorfkaufleute Alois und Maria Billinger im Innviertel geboren, war Billinger ursprünglich für den Priesterberuf bestimmt, besuchte das Linzer Petrinum und das Staatsgymnasium Ried, wo er 1910 maturierte. Anschließend studierte er Germanistik und Philosophie in Innsbruck (ohne Abschluss), wurde 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, aber bald – vermutlich aufgrund seiner Homosexualität – vom Militärdienst befreit. Seine literarischen Anfänge lagen in Lyrik in expressionistischer Manier. Erstmals in Erscheinung trat er Anfang der 1920er-Jahre im Kreis um →Hugo von Hofmannsthal (u. a. „Lob Gottes“, 1922). Als seine Entdeckerin gilt die Tanzpionierin Grete Wiesenthal. In der Folge wandte er sich vermehrt der Bühne zu. Mit „Das Perchtenspiel“, einer Adaption des Marionettenspiels „Das Spiel vom Knecht“ (1924, auch unter dem Titel „Die Reise nach Ursprung“), gelang Billinger in der Inszenierung von →Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen 1928 der Durchbruch; „Rosse“ und „Rauhnacht“ (beide 1931) etablierten ihn endgültig in der Theaterszene. Anfang der 1930er-Jahre verlegte Billinger seinen Wohnsitz nach München. 1932 erhielt er für „Rauhnacht“ den Kleist-Preis (gemeinsam mit Else Lasker-Schüler). Als →Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, war Billinger bereits ein renommierter Autor, die volkstümlich-bäuerlichen Themenkreise seiner Texte passten gut in das Konzept der nationalsozialistischen Blut- und Bodendichtung. Er trug das Seine bei, indem er Huldigungsadressen zur NS-Machtergreifung verfasste und den von ihm als „jüdisch“ verunglimpften Wiener PEN-Club verließ. Etliche Publikationen, wie „Der Pfeil im Wappen“ (1933) und „Lehen aus Gottes Hand“ (1935), sowie Beiträge in Printmedien verdeutlichen Billingers Aufstieg zu einem der bekanntesten Autoren des Dritten Reichs. Die Bühnenstücke erfuhren zahlreiche Aufführungen, wurden fallweise zu Opern (u. a. „Die Windsbraut“, Musik: Winfried Zillig, 1941) umgearbeitet und verfilmt (u. a. „Gabriele Dambrone“, 1943), die Hörspiele „Nebel überm See“ und „Der Bauer und die Windsbraut“ 1933 in der Reihe „Stunde der Nation“ ausgestrahlt. Dessen ungeachtet galt der Autor aufgrund seiner zwar verschleierten, da unter Strafe stehenden, aber allgemein bekannten Homosexualität in manchen Kreisen als anrüchig. Das betraf zum Teil auch seine Werke, deren oft explizit (homo-)sexuell aufgeladene Grundstimmung nur bedingt mit NS-Vorgaben kompatibel war, weshalb die letzte Aufführung von „Rauhnacht“ im Februar 1933 stattfand. Als 1935 sein Freund, ein Soldat der Reichswehr, verhaftet und wegen Spionage hingerichtet wurde, gelangte auch Billinger ins Fadenkreuz der Justiz, wurde aufgrund eines Vergehens nach § 175 (Homosexualität) festgenommen, inhaftiert und angeklagt, nach Intervention von Heinrich Himmler und Hermann Göring jedoch freigesprochen. Als Folge des Prozesses mehrten sich zwar kritische Stimmen, dessen ungeachtet hatten Billingers Texte aber weiterhin Hochkonjunktur, zumal sein direkter Konkurrent Carl Zuckmayer 1938 in die USA emigriert war. Die Präsenz in allen wichtigen „Anschluss“-Anthologien untermauerte seine zentrale Bedeutung als Repräsentant österreichischer Literatur im NS-Staat, sei es als Dramatiker (u. a. „Melusine“, 1941) oder als Lyrik- und Prosaautor (u. a. „Triumph des Gottes“, 1940; „Holder Morgen“, 1942). Darüber hinaus betätigte er sich in der boomenden Filmbranche als Drehbuchschreiber, u. a. für Luis Trenkers „Der Berg ruft“ (1938) und „Maria Ilona“ (1939) mit Paula Wessely und Paul Hörbiger. Der umstrittene Veit-Harlan-Film „Die goldene Stadt“ (1942) entstand nach Billingers Drama „Der Gigant“ (1936). Mehrere Literaturpreise (u. a. Gaukulturpreis von Oberdonau, 1941; Preis der Stadt München, 1942; Raimundpreis der Stadt Wien, 1943) belegen Billingers Stellenwert in der NS-Zeit, dazu kam sein hohes Einkommen, das 1942 mit rund 86.000 RM fast das Dreifache des Jahreseinkommens eines Gauleiters erreichte. Da keines seiner Werke auf dem Index stand und Billinger nie NSDAP-Mitglied gewesen war, konnte er nach 1945 die schriftstellerische Tätigkeit nahtlos fortsetzen. Etliche neue Werke entstanden, u. a. das Drama „Donauballade“ (1959), der Lyrikband „Lobgesang“ (1953), der autobiografische Roman „Palast der Jugend“ (1955), das Drehbuch zum Film „Auf Wiedersehen am blauen Meer“ (1962, Hauptrolle: Toni Sailer) sowie das Hörspiel „Der Zentaur“ (1950). Der Verlag Stiasny publizierte seine „Gesammelten Werke“ (1955–60). Dass der mittlerweile alkoholkranke Billinger im öffentlichen Bewusstsein gut verankert blieb, verdeutlicht sowohl die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (1961) und des Grillparzer-Preises (1962) als auch die Zuerkennung einer Ehrenpension des Landes Oberösterreich (ab 1954). Wilhelm Bortenschlager edierte 1979–84 die „Gesammelten Werke“ in acht Bänden; das Stück „Equus“ (1973) des britischen Dramatikers Peter Shaffer rekurriert auf Billingers „Rosse“, desgleichen der Fernsehfilm „Rosse“ (1989) von Regisseur Jo Baier. In über einem Dutzend oberösterreichischer Orte sind Straßen nach Billinger benannt, auch die Volksschule in St. Marienkirchen trägt seinen Namen.

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