Binder, Joseph (Josef Franz) (1898–1972), Grafikdesigner und Maler

Binder Joseph (Josef Franz), Grafikdesigner und Maler. Geb. Wien, 3. 3. 1898; gest. Wien, 25. 6. 1972 (Ehrengrab: Zentralfriedhof); röm.-kath., 1925 konfessionslos, später wieder röm.-kath. Sohn von Anna Binder, geb. Bělohlava (geb. Polanka, Böhmen/Tschechien, 12. 7. 1869; gest. Wien), und Karl Binder (geb. Wien, 7. 10. 1864; gest. Wien, 1913), Metalldreher; ab 1928 mit Carla Binder, geb. Karoline Neuschil (1898–1994), verheiratet, Trägerin des Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, 1977. – Binder absolvierte eine Lithografielehre bei der Druckerei und Verlags-AG, vorm. R. von Waldheim, Josef Eberle, und besuchte die Fachliche Fortbildungsschule für Lithographen, Stein-, Licht-, Kupfer- und Zinkdrucker sowie Chemigraphen in der Wiener Innenstadt. Nach seinem Kriegseinsatz (1916–18) arbeitete er im Atelier von →Bernd Steiner. Ab 1920 studierte er an der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien, zunächst als Gasthörer bei Anton (von) Kenner, ab 1922 als o. Hörer bei Bertold Löffler, Meisterklasse für Malerei (1925/26 Staatspreis für die beste Gesamtleistung des Schuljahres), ab 1931 war er vier Semester in →Josef Hoffmanns Architekturklasse inskribiert. 1921 gründete Binder mit Elisabeth Auböck, Adolf Streit und Fred Taubes die Grafiker-Arbeitsgemeinschaft Atelier ESBETA am Möllwaldplatz 5 in Wien-Wieden, ab 1924 firmierte er unter Joseph Binder. Wiener Graphik (bis 1938). Der Durchbruch gelang ihm mit dem ersten Platz im Plakatwettbewerb für das Musik- und Theaterfest der Stadt Wien 1924. Die Kaffee- und Tee-Importgesellschaft Julius Meinl beauftragte Binder mit jenem Plakat, dessen Motiv des jungen Mannes mit Fez („Meinl-Mohr“) später durch Otto Exingers Stilisierung zum bis heute gültigen Meinl Kaffee-Logo wurde. Ab 1922 arbeitete Binders spätere Frau Carla als seine Atelierleiterin, Kontakterin, Neukundenakquisiteurin sowie nach seinem Tod als Nachlassverwalterin. Nachdem Werke Binders im Londoner Fachmagazin „The Studio“ erschienen waren, folgte 1934 sein Buch „Color in Advertising. Harmony of Contrasts“ im Studio Ltd.-Verlag, in dem er seine Farbenlehre mit zahlreichen Bildbeispielen von Kollegen untermauerte. Neben Arbeiten für das Rote Wien (Sozialdemokratische Kunststelle der Stadt Wien, 1928) kam 1930 mit Konsul Alfred Weiss' Arabia Kaffee-Tee-Import ein Auftrag für ein umfassendes Corporate Design ins Atelier, das bis in die 1960er-Jahre von ihm (fern-)betreut wurde. Dem Unternehmer und Espresso-Gründer Weiss war Binder in einer lebenslangen Freundschaft verbunden. 1933 folgten erste Lehraufträge in den USA auf Einladung von Elma Pratt, in deren International School of Art in New York City Binder mit Emmy Zweybrück und →Franz Čižek (Cizek) die österreichische Abteilung unterhielt und als einer der Führenden im Bereich des kommerziellen Grafikdesigns Kurse in „Basis und Aufbau der modernen Gebrauchsgraphik“ gab. 1933–35 lehrte er als Gastdozent u. a. am Pratt Institute in New York, an der Minneapolis School of Art und dem Chicago Institute of Art, um schließlich 1936 – mit zahlreichen Kontakten zu Werbeagenturen als potenzielle Auftraggeber – gemeinsam mit seiner Frau nach New York zu übersiedeln, wo sie eine Atelierwohnung am Central Park South bezogen. Eine über 30 Jahre währende Karriere in den USA begann, zunächst als Freelancer für Agenturen (für Ballantines Beer, 1937, A&P Iced Coffee, 1939, Sharp & Dohme Sucrets, 1943, und viele andere), dann selbstständig für öffentliche Auftraggeber wie die American Railroad Association (1953), das American Red Cross (1952) oder die US Navy. 1939 gewann Binder die Plakatwettbewerbe für die World Fair in New York 1939 und 1942 für den Air Corps der US Army. Für die US Navy war er schließlich bis zu seiner Pensionierung 1963 erfolgreicher Art Director: 1949–56 mit Kampagnen um Technik und Abenteuer zum Rekrutieren von Marinesoldaten, 1955–63 warb er mit biblischen Inhalten für die Navy Chaplains Division. 1944 erhielt Binder die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1948 trat er gemeinsam mit Frank Lloyd Wright im Art Directors Club Chicago auf. Sein letzter kommerzieller Auftrag war eine Plakatkampagne für die United Airlines. Ab 1963 widmete sich Binder der gegenstandslosen Malerei und stellte in den USA und im MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst aus. Er gehörte dem BÖG – Bund Österreichischer Gebrauchsgraphiker (1927, ab 1947 Ehrenmitglied), dem Art Directors Club New York (1947) und der AGI – Alliance Graphique Internationale (1954) an. Binder gilt als der einflussreichste österreichische Grafikdesigner seiner Zeit, als Vater des Corporate Design in Österreich und als Meister des Modern Poster in den USA. Das „Konstruktive in Form und Farbe“, die „suggestive Kraft der Stilisierung“ (Joseph Binder), die Reduktion der Formen auf ihre wesentlichen Elemente verbunden mit lebendigem Storytelling war seine Methode, mit der er starke und werbewirksame Visuals erzielte. Binder war ein leidenschaftlicher Protagonist der Moderne und von den Kunstströmungen des Kubismus und Futurismus sowie dem Wiener Kinetismus beeinflusst. Er vermittelte seine gestalterischen Prinzipien nicht nur an die Mitarbeiter seines Ateliers und Besucher seiner Kurse und Vorträge in den USA, sondern war auch Vorbild für Generationen von Grafikdesignern nach ihm. Aus seinem Nachlass speist sich der von designaustria zweijährlich vergebene internationale Joseph Binder Award. Der Künstler selbst wurde mit dem Titel eines Honorarprofessors (1952) und der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold (1969) geehrt. Sein rund 8.000 Objekte umfassender Nachlass befindet sich im MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien.

Weitere W.: Plakate: Kunerol-Kokosfett, 1921; Raxbahn, Hotel Panhans Semmering, Ferien in Österreich und viele andere Fremdenverkehrsplakate, 1926–37; Henkel, Persil, 1927; Opern-Redoute, Kaiser Borax, Blanka Mill, Grosch-Tee, 1928; ARGE Wirtschaftliche Körperschaften, 1929/30; Werbekunst-Ausstellung des Bundes Österreichischer Gebrauchsgrafiker, 1929; Ankerbrot-Bandnudeln, Bensdorp Schokolade, Donau-Versicherung, alle 1932; Jantzen Winter Sports Collection, 1947. – Verlagszeichen und Buchcovers Rikola-Verlag, Wien, um 1925; Semperit Reifen, Thonet Möbel, um 1925–30. – Magazincovers: „Österreichische Reklame“, „Gebrauchsgraphik“, „Kontakt“, „Profil“, „Modern Packaging“, „House & Garden“, „Fortune“, „Graphis“, 1928–50.
L.: Joseph Binder, in: American Magazine of Art 29, 1936, S. 464ff.; C. Binder, Joseph Binder. Ein Gestalter seiner Umwelt, 1976; „… nach Binder. Joseph Binders Einfluss auf das Grafikdesign“, Wien 2005/06 (Kat.); A. Kern, Joseph Binder. Protagonist der Moderne, 2012; A. Kern, in: Endlich Espresso! Das Café Arabia am Kohlmarkt, ed. S. Apostolo – M. Freund, 2022, S. 54ff.; Vortrag „Als Lehrer und Graphiker in Amerika“, gehalten u. a. am 18. 12. 1935, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) (Typoskript, MAK); Pfarre St. Johann Evangelist, Pfarre Wieden, beide Wien; Universität für angewandte Kunst Wien / Kunstsammlung und Archiv, Nationale Joseph Binder der KGS Wien, 1925/26; sammlung.mak.at (Zugriff 15. 11. 2023).
(Anita Kern)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)