Birstinger Leopold, Maler und Grafiker. Geb. Wien, 30. 10. 1903; gest. Wien, 15. 8. 1983; röm.-kath. Sohn der Franziska Birstinger, geb. Bruckbauer (1866–1947), und des Fassbinders und Wirts in Wien-Ottakring Ludwig Birstinger (1864–1917), Bruder von Josef Birstinger (geb. 1908; gest. Nowaja Wodologa, UdSSR / Nova Vodolaha, Ukraine, 1942); ab 1934 mit seiner aus Basel stammenden Studienkollegin Annemarie Birstinger, geb. Brendlin (gest. 1943), verheiratet, ab 1954 in einer Lebensgemeinschaft mit Wilma Trebitsch. – Nach dem Tod des Vaters verarmte die Familie, sodass Birstinger als Knecht bei Bauern in Niederösterreich arbeitete. 1920–23/24 absolvierte er eine Lehre beim Müller Leopold Scheller in Pulkau und kehrte nach dessen Tod 1924 nach Wien zurück. Er übte verschiedene Brotberufe (Gärtner, Verkäufer, Hilfsarbeiter) aus, belegte daneben Zeichenkurse an der Volkshochschule und besuchte ab 1924 die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit Druckgrafik. 1926–34 studierte Birstinger an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei →Karl Sterrer (Allgemeine Malerschule) und 1930–33 an der Meisterschule bei →Rudolf Bacher (Fügerpreis 1929, Akademischer Preis 1929, 1931, Akademischer Studienpreis 1932, Meisterschulpreis 1933, Rompreis 1934). Er knüpfte erste Kontakte zum Bund Neuland sowie Freundschaften mit →Werner Berg, Rudolf Szyszkowitz, →Albin Stranig, Max Weiler und Karl Weiser. 1932 beteiligte er sich mit Szyszkowitz und Stranig an der Ausstellung Werk und Leben aus jungkatholischem Geist im Joanneum in Graz. 1934 schuf Birstinger die drei Wandbilder „Werke der Liebe“ für eine Kapelle in Bad Fischau und reiste nach der Hochzeit zusammen mit seiner Frau nach Italien (Rom, Florenz), wo er Bekanntschaft mit Toni Stadler, Gerhard Marcks und Hans Purrmann schloss. Er besuchte 1936/37 Ernst Barlach in Güstrow und besichtigte in München 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“, die er für eine der schönsten Ausstellungen hielt, die er je gesehen hatte. Eine Reihe von Verlusten – sein Bruder Josef kam im Russlandfeldzug um, bald nach der Geburt der Söhne starb seine Frau, vier Jahre darauf seine Mutter – stürzten Birstinger in den 1940er-Jahren in eine tiefe seelische Krise. 1945 versuchte er vergeblich, eine Professur an der Akademie zu erlangen. Das Frühwerk Birstingers charakterisiert die Vereinfachung der bildnerischen Mittel zugunsten starker Inhaltlichkeit. Einer expressiven Grundhaltung steht die Ruhe tiefer Innerlichkeit gegenüber. Neben Landschaften aus dem direkten Umfeld bilden sinnbildliche Figurationen den Schwerpunkt der Motive vor 1945. Einflüsse von Matisse und Munch sind spürbar. 1948 veranstaltete die Galerie Welz in Wien Birstingers erste umfassende Personale mit Ölbildern, Aquarellen und Druckgrafiken. 1954 wurde er Mitglied der Wiener Secession, der er bis 1958 angehörte. Ab 1956 entstanden etliche Arbeiten im öffentlichen Raum (Mosaike an Wiener Gemeindebauten, Glasfenster für die Pfarrkirchen Laßnitzhöhe in der Steiermark und Schwarzlackenau, Wien-Floridsdorf). Nach 1945 ging Birstinger radikal von der emotionalen Intensität seiner Seherfahrung aus und transformierte sie in ein sehr persönliches Bildgefüge. Als würde er die allgemeinen optischen Phänomene mit einer Wärmebildkamera der Seele erfassen, dominiert diese empfundene Wahrnehmung das malerische Gefüge. Bildaufbau, plastische Gestaltung etc. treten in den Hintergrund. Diesen Weg verfolgte er bis an die Grenze zur Brutalität und Naivität. In der rücksichtslosen Unbedingtheit seines Schaffens begründet sich seine solitäre Stellung in der Kunst seiner Generation. Zu Lebzeiten war Birstinger auf Ausstellungen in Wien (u. a. Personale in der Galerie Würthle 1978), Rom, Linz, Graz, Basel, Bukarest und Passau vertreten. Posthum zeigten wiederholt das Erzbischöfliche Dom- und Diözesanmuseum sowie das Leopold Museum (u. a. die Personale Leopold Birstinger 1903–1983 – Melancholie und Paradies, 2003) in Wien und das Werner Berg Museum in Bleiburg Werke von ihm. Arbeiten Birstingers befinden sich im Besitz der Albertina, der Österreichischen Galerie Belvedere, des Oberösterreichischen Landesmuseums, des Leopold Museums, des Landesmuseums Niederösterreich, des Priesterseminars Graz sowie in mehreren Privatsammlungen. Einer seiner wichtigsten Sammler war Rudolf Leopold. Birstinger erhielt den Preis des Wiener Kunstfonds (1957), die Silberne Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien (1979) und den Professorentitel (1982).

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© Albertina
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