Broch, Hermann (Josef); Ps. K. L. Hib (1886–1951), Schriftsteller und Industrieller

Broch Hermann (Josef), Ps. K. L. Hib, Schriftsteller und Industrieller. Geb. Wien, 1. 11. 1886; gest. New Haven, Connecticut (USA), 30. 5. 1951; mos., ab 1909 röm.-kath. Sohn des Textilhändlers und -fabrikanten Josef Broch (geb. Proßnitz, Mähren / Prostějov, Tschechien, 12. 1. 1852; gest. Teesdorf, Niederösterreich, 14. 10. 1933) und von Johanna Broch, geb. Schnabel (geb. Fünfhaus, Niederösterreich / Wien, 18. 7. 1863; gest. KZ Theresienstadt, Protektorat Böhmen und Mähren / Tschechien, 22. 12. 1942), der Tochter eines Wiener Fell- und Ledergroßhändlers, Bruder des Textilfabrikanten Friedrich Josef Broch (geb. Rudolfsheim, Niederösterreich / Wien, 17. 12. 1889; gest. Cambridge, Massachusetts, USA, 6. 10. 1967), Vater des Übersetzers H. F. (Josef Maria Hermann Friedrich) Broch (geb. Günselsdorf, Niederösterreich, 4. 10. 1910; gest. New York City, New York, USA, 3. 11. 1994), der 1932 von seinem Onkel Rudolf von Rothermann adoptiert wurde und sich seitdem H. F. Broch de Rothermann nannte, Schwiegervater von Eva Broch de Rothermann, geb. Wassermann (geb. Wien, 30. 3. 1915; gest. New York City, 11. 3. 1979), der Tochter von →Jakob (Karl) Wassermann; ab 1909 in 1. Ehe verheiratet mit Franziska Broch, geb. von Rothermann (geb. Hirm, Ungarn / Burgenland, 6. 8. 1884; gest. Laßnitzhöhe, Steiermark, 17. 12. 1974), geschieden 1923, ab 1949 in 2. Ehe mit Annemarie Meier-Graefe Broch, geb. Epstein, verwitwete Meier-Graefe (geb. Berlin, Deutsches Reich / Deutschland, 14. 10. 1905; gest. Saint-Cyr-sur-Mer, Frankreich, 27. 1. 1994). – Broch wuchs in Wien im Textilviertel des 1. Bezirks als Sohn jüdischer Eltern auf. 1897–1904 besuchte er die k. k. Staats-Realschule im 1. Bezirk, die er mit der Matura abschloss. 1904–06 studierte er an der Höheren Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie in Wien. Anschließend besuchte Broch die Obere Spinn- und Webeschule zu Mülhausen im Elsass. Sein Diplom als Textilingenieur erwarb er dort 1907. Gleich danach wurde er in die kaufmännische Leitung der durch seinen Vater erworbenen Spinnfabrik Teesdorf in Teesdorf bei Wien berufen, eine Aufgabe, der er sich zwanzig Jahre später durch den Verkauf der Firma entledigte. Neben der Verwaltungsarbeit betrieb er das autodidaktische Studium der Philosophie, im Speziellen des Neukantianismus der Marburger Schule. In das Jahrzehnt zwischen 1913 und 1922 fielen Aufsätze zur Wert- und Geschichtstheorie, literarische Versuche und Rezensionen sowie politische Stellungnahmen in kulturkritischen und wissenschaftlichen Zeitschriften. 1925–30 studierte Broch an der Universität Wien Philosophie und Mathematik. Die Mehrzahl seiner Lehrer, u. a. →Moritz Schlick und Rudolf Carnap, gehörten dem Wiener Kreis an. 1930–32 erschien Brochs Romantrilogie „Die Schlafwandler“ im Rhein-Verlag, Zürich. Die Einzeltitel „1888. Pasenow oder die Romantik“, „1903. Esch oder die Anarchie“ und „1918. Huguenau oder die Sachlichkeit“ markieren die Stationen eines europäischen kulturellen Zerfalls, illustriert an den wilhelminischen Titelfiguren. Literarisch schulte sich Broch an zeitgenössischen Romanciers wie James Joyce, zu dessen 50. Geburtstag er im Frühjahr 1932 in Wien die Rede „James Joyce und die Gegenwart“ hielt. In seinem 1933 in der „Neuen Rundschau“ erschienenen Essay „Das Böse im Wertsystem der Kunst“ definierte Broch den Kitsch als Kennzeichen von Imitationssystemen. Sein zweites Buch „Die Unbekannte Größe“ kam 1933 bei S. Fischer heraus. Es handelt von einem jungen Mathematiker mit Problemen, neben der Rationalität der Wissenschaft die Irrationalität von Emotionen als lebensbestimmend anzuerkennen. Mit dem Beginn von →Adolf Hitlers Diktatur verlor Broch den größten Teil seiner kaum erst gewonnenen Leserschaft. 1934 wurde die bereits 1932 entstandene Tragödie „Die Entsühnung“ am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt, ein Industriedrama, das neben den Wirtschaftskonflikten auch die Religionskrise der Zeit zum Thema hatte. 1934 folgte zum gleichen Thema die Komödie „Aus der Luft gegriffen“. In seinem Roman „Die Verzauberung“ beabsichtigte er, auf die aktuellen Zeitprobleme mit ihren kriminellen Führerfiguren einzugehen. Ein Landarzt erzählt, wie ein Blut-und-Boden-Ideologe sich mit Hilfe von Massenwahn, Ritualmord und Verfolgung der Minderheit die Dorfbevölkerung gefügig macht. Das Buch blieb unvollendet. In seiner 1936/37 entstandenen „Völkerbund-Resolution“ suchte er nach einer Neufundierung der Menschenrechte mittels eines global akzeptierten Postulats gesellschaftlicher Anti-Versklavung. Am Tag des „Anschlusses“ im März 1938 wurde Broch in Altaussee verhaftet, doch nach drei Wochen wieder entlassen. Er floh im Juli 1938 nach England bzw. Schottland und von dort im Oktober 1938 in die USA. Im amerikanischen Exil lebte er zunächst in New York, ab 1942 bei der Familie seines Freunds Erich von Kahler in Princeton. Der Autor konzentrierte sich auf zwei Projekte, den Roman „Der Tod des Vergil“ und die „Massenwahntheorie“. Broch sah Vergil in einer Zeitenwende: Ein von Not, Angst, Mythenkrise, Zwietracht und Krieg erfülltes Heute hofft auf den Beginn einer Friedens-Ära unter neuen religiösen Vorzeichen. Das Buch erschien auf Deutsch und auf Englisch 1945 im New Yorker Exilverlag Pantheon Books. Zu den bekannten Personen, die den Roman schätzten, gehörten Thomas Mann und Hannah Arendt. Brochs Arbeit an der „Massenwahntheorie“, die Fragment blieb, dauerte 1939–48. Mit seinen Analysen und Empfehlungen ging es ihm um die Durchsetzung international akzeptierter Menschenrechte zur Verhinderung eines erneuten Zivilisationsbruchs. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich mit zwei weiteren Projekten, der Studie „Hofmannsthal und seine Zeit“ und dem Roman „Die Schuldlosen“. Der Hofmannsthal-Essay ist eine kulturkritische Arbeit, die die Position des führenden Jung-Wien-Autors im Kontext des Fin de Siècle skizziert. Assimilierung ist dabei ein zentraler Begriff. Von einer Wien-Nostalgie wie bei →Stefan Zweig ist bei Broch nichts zu spüren. Wegen der Unernsthaftigkeit in der Politik und des Imitativen in der Kultur spricht er von der „fröhlichen Apokalypse“ der 1880er-Jahre. →Hugo Hofmann von Hofmannsthal habe sich in seinen besten Arbeiten (etwa im „Andreas“-Fragment) gegen die Kitsch-Tendenzen seiner Zeit behaupten können. Brochs Bewunderung gehörte jedoch dem Gesellschaftskritiker →Karl Kraus. Der Roman „Die Schuldlosen“, der 1950 im Willi Weismann Verlag in München erschien, kann als Fortsetzung der „Schlafwandler“ verstanden werden. 1933 hatte Broch eine Reihe von Novellen geschrieben, die er (überarbeitet) in den Roman einfügte. Er fragt, wie im Wilhelminismus, in der Weimarer Republik und durch Hitlers Machtergreifung die kommende Menschheitskatastrophe erkennbar wird. Im ethischen Manko der Gleichgültigkeit gegenüber dem Nebenmenschen erkennt er den Grund für den Zivilisationsbruch. Anfang 1950 veröffentlichte Broch seinen Aufsatz „Trotzdem: Humane Politik. Verwirklichung einer Utopie“ in der „Neuen Rundschau“ 61 (1950, Nr. 1), in dem es um Friedenspolitik, die Stärkung der Demokratie und die globale Durchsetzung der Menschenrechte geht. Für Mitte 1951 plante Broch eine Europareise, wobei er besonders die Kontakte zu den Bekannten in Wien stärken wollte, starb jedoch an einem Herzinfarkt. Seine Romane und Essays wurden in viele Sprachen übersetzt. Populär ist er nie geworden, doch in der Literaturwissenschaft und der interdisziplinären Kulturwissenschaft wegen seiner Tiefgründigkeit und seiner interdisziplinären Ansätze ein viel erforschter Autor. Brochs Teilnachlässe befinden sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar und in der Beinecke Rare Book & Manuscript Library der Yale University Library in New Haven. Seine „Wiener Bibliothek“ mit philosophischen und mathematischen Büchern ist heute Teil der Bibliothek der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Broch gehörte ab 1938 der American Guild for German Cultural Freedom in New York und der German Academy of Arts and Sciences in Exile an. Er war Ende Juni bis Anfang August 1939 Fellow in der Künstlerkolonie Yaddo, Saratoga Springs, in New York und von Mitte 1940 bis Mitte 1941 Stipendiat der John Simon Guggenheim Memorial Foundation in New York zur Weiterarbeit am Roman „Der Tod des Vergil“. 1942 erhielt er den Preis der American Academy of Arts and Letters für die vierte Fassung des Romans „Der Tod des Vergil“. Von Mitte 1942 bis Ende 1944 hatte er ein Stipendium der Rockefeller Foundation in New York für die Arbeit an der „Massenwahntheorie“.

Weitere W.: Hermann Broch – Daniel Brody, Briefwechsel 1930–1951, ed. B. Hack – M. Kleiß, 1971; Kommentierte Werkausgabe, 13 Bde., ed. P. M. Lützeler, 1974–82; Hannah Arendt – Hermann Broch, Briefwechsel 1946 bis 1951, ed. P. M. Lützeler, 1996; Freundschaft im Exil. Thomas Mann und Hermann Broch, ed. P. M. Lützeler, 2004.
L.: Bautz; NDB; Th. Koebner, Hermann Broch. Leben und Werk, 1965; M. Durzak, Hermann Broch in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1966; M. Durzak, Hermann Broch. Der Dichter und seine Zeit, 1968; P. M. Lützeler, Hermann Broch. Ethik und Politik. Studien zum Frühwerk und zur Romantrilogie „Die Schlafwandler“, 1973; M. Durzak, Hermann Broch. Dichtung und Erkenntnis. Studien zum dichterischen Werk, 1978; P. M. Lützeler, Hermann Broch. Eine Biographie, 1985; F. Vollhardt, Hermann Brochs geschichtliche Stellung. Studien zum philosophischen Frühwerk und zur Romantrilogie „Die Schlafwandler“ 1914–1932, 1986; Hermann Broch. Das dichterische Werk. Neue Interpretationen, ed. M. Kessler – P. M. Lützeler, 1987; R. Koester, Hermann Broch, 1987; Brochs theoretisches Werk, ed. P. M. Lützeler – M. Kessler, 1988; Hermann Broch. Literature, Philosophy, Politics, ed. St. D. Dowden, 1988; M. Ritzer, Hermann Broch und die Kulturkrise des frühen 20. Jahrhunderts, 1988; Hannah Arendt, Hermann Broch, in: H. Arendt, Menschen in finsteren Zeiten, ed. U. Ludz, 1989, S. 131ff.; Die Wiener Bibliothek Hermann Brochs. Kommentiertes Verzeichnis des rekonstruierten Bestandes, ed. K. Amann – H. Grote, 1990; P. M. Lützeler, Die Entropie des Menschen. Studien zum Werk Hermann Brochs, 2000; P. M. Lützeler, Hermann Broch 1886–1951, 2001; Hermann Broch. Neue Studien …, ed. M. Kessler, 2003; Hermann Broch. Visionary in Exile. The 2001 Yale Symposium, ed. P. M. Lützeler, 2003; Freundschaft im Exil. Thomas Mann und Hermann Broch, ed. P. M. Lützeler, 2004; Hermann Broch. Politik, Menschenrechte – und Literatur?, ed. Th. Eicher u. a., 2005; Hermann Broch und die Künste, ed. A. Stašková – P. M. Lützeler, 2009; P. M. Lützeler, Hermann Broch und die Moderne. Roman, Menschenrecht, Biographie, 2011; Hermann-Broch-Handbuch, ed. M. Kessler – P. M. Lützeler, 2016; Hermann Broch und die Ökonomie, ed. J. Heizmann u. a., 2018; A Companion to the Works of Hermann Broch, ed. G. Bartram u. a., 2019; P. M. Lützeler, Hermann Broch und die Menschenrechte, 2021; Hermann Broch und die österreichische Moderne, ed. P. M. Lützeler – Th. Borgard, 2023; UA, Wien; Hermann Broch Museum, Teesdorf, Niederösterreich; Untermeyer (Jean Starr) Collection, Poetry Collection der Lockwood Memorial Library, University of Buffalo, Buffalo, New York, Stefan Zweig Collection, Daniel A. Reed Library, State University of New York at Fredonia, Fredonia, New York, German Exile Literature Collection, Leo Baeck Institute, New York City, New York, Hermann Broch Collection, Princeton University Library, Princeton, New Jersey, Lilly Library, Indiana University, Bloomington, Indiana, Eric Voegelin Archive, Hoover Institution, Stanford University, Stanford, Kalifornien, alle USA.
(Paul Michael Lützeler)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)