Brod, Max (1884–1968), Schriftsteller, Kritiker und Komponist

Brod Max, Schriftsteller, Kritiker und Komponist. Geb. Prag, Böhmen (Praha, Tschechien), 27. 5. 1884; gest. Tel Aviv-Jaffa (Israel), 20. 12. 1968; mos. Sohn von Adolf Brod (geb. Prag, 16. 9. 1854; gest. Praha, 21. 10. 1933) und Fanny (Franziska) Brod, geb. Rosenfeld (geb. Klein Werscheditz, Böhmen / Verušičky, Tschechien, 28. 6. 1859; gest. Praha, 5. 7. 1931), Bruder von Otto Brod (geb. Prag, 6. 7. 1888; am 10. 12. 1942 nach Theresienstadt und am 28. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz deportiert, gest. KZ Auschwitz, Deutsches Reich / Polen, wahrscheinlich Ende 1944), der ebenfalls schriftstellerisch tätig war und in Theresienstadt als Lyriker reüssierte; ab 1913 verheiratet mit Elsa Taussig (geb. Prag, 21. 8. 1883; gest. Tel Aviv-Jaffa, 4. 8. 1942). – Brod wuchs in Prag auf und besuchte dort zunächst die katholische Piaristenschule in der Herrengasse, um dann 1902 am k. k. Staats-Obergymnasium in Prag-Neustadt seine Matura abzulegen. Anschließend studierte er an der Juridischen Fakultät der dortigen deutschen Universität, legte 1907 das Examen ab und trat als Beamter in den Postdienst ein. Während des Studiums begegnete er →Franz Kafka; mit ihm verband ihn bis zu dessen Tod 1924 eine enge Freundschaft. Bereits 1908 konnte Brod mit seinem ersten Roman „Schloss Nornepygge“ Erfolge feiern. In den Folgejahren entstanden zahlreiche weitere literarische Werke. Zudem war Brod als Musik- und Literaturkritiker für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften tätig. Beeinflusst von Martin Bubers „Drei Reden über das Judentum“ (1909/10), wandte er sich dem Kulturzionismus zu, vor diesem Hintergrund entstanden u. a. sein Roman „Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden“ (1912) und der programmatische Beitrag „Der Jüdische Dichter deutscher Zunge“ (1913) entstanden. Bei Tomáš Garrigue Masaryk (→Thomas (Garrigue) Masaryk) setzte er sich nach dem 1. Weltkrieg erfolgreich für die Anerkennung der Juden als eigenständige Nation ein; neben Tschechen und Deutschen firmierten sie offiziell als weitere Nationalität der neu gegründeten Republik. Gleichzeitig sah sich Brod stets als Mittler zwischen der tschechischsprachigen Mehrheit und der deutschsprachigen Minderheit. Beispielhaft zu nennen sind seine Übersetzungen der Opernlibretti →Leoš Janáčeks (ab 1918), für dessen Kompositionen er sich immer wieder einsetzte, sowie die Dramatisierung von →Jaroslav Hašeks „Der brave Soldat Schwejk“ nach dem tschechischen Original (1927, gemeinsam mit Hans Reimann). Durch seine zahllosen schriftstellerisch-journalistischen „Nebentätigkeiten“, etwa die Förderung jüngerer Autoren wie →Franz Werfel oder Willy Haas und seine Vermittlungstätigkeit zwischen der tschechisch- und der deutschsprachigen Kultur, entstand ein breites Netzwerk, das ihn schließlich zu einer einflussreichen Persönlichkeit machte. Daran konnte er auch in der Tschechoslowakei anknüpfen und zunächst als Kritiker für die Regierungszeitung „Prager Abendblatt“ und später für das unabhängige „Prager Tagblatt“ arbeiten. Als Nachlassverwalter von Kafka legte er 1937 die erste Kafka-Biografie vor. Im März 1939 floh Brod gemeinsam mit seiner Frau und seinem engen Freund Felix Weltsch nebst Familie aus Prag nach Palästina. Dort konnte er sich bald (re-)etablieren: Neben seiner Funktion als Dramaturg des späteren Nationaltheaters Habimah (ab 1939) kam seiner Tätigkeit als Musikkritiker eine besondere Bedeutung zu. Brod, der selbst komponierte und als Pianist in halböffentlichem Rahmen auftrat, sah sich dabei erneut als Vermittler: 1951 veröffentlichte er mit „Die Musik Israels“ die erste Musikgeschichte des jungen Staats; 1966 erschien unter dem Titel „Der Prager Kreis“ sein wirkmächtiger Rückblick auf die Prager deutschsprachige Literatur. Während er also einerseits interessiert und gewillt war, aktiv an der Entstehung einer israelischen Nationalkultur mitzuarbeiten, blieb er als Autor der deutschen Sprache und Literatur verpflichtet, ein Balanceakt, der ihm in Israel immer wieder Kritik einbrachte. Entsprechend umstritten war seine Auszeichnung mit dem Bialik-Preis für hebräische Literatur der Stadt Tel Aviv 1949. Eine Rückkehr nach Europa kam für Brod nicht in Frage. Sein umfangreicher Nachlass liegt in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem.

Weitere W.: Tod den Toten!, 1906; Ein tschechisches Dienstmädchen, 1909; Jüdinnen, 1911; Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit, 1913; Eine Königin Esther, 1918; Heidentum, Christentum, Judentum, 1921; Die Frau, nach der man sich sehnt, 1927; Die Frau, die nicht enttäuscht, 1933; Abenteuer in Japan, 1938 (gemeinsam mit O. Brod); Diesseits und Jenseits, 2 Bde., 1947; Galilei in Gefangenschaft, 1948; Unambo. Roman aus dem jüdisch-arabischen Krieg, 1949; Rebellische Herzen, 1957 (Neuausgabe 1968 unter dem Titel „Prager Tagblatt“); Über Franz Kafka, 1966.
L.: Ein Kampf um Wahrheit. Max Brod zum 65. Geburtstag, ed. E. Taussig, (1949); Max Brod 1884–1984. Untersuchungen zu Max Brods literarischen und philosophischen Schriften, ed. M. Pazi, 1987; G. Vassogne, Max Brod in Prag: Identität und Vermittlung, 2009; B. Šrámková, Max Brod und die tschechische Kultur, 2010; A.-D. Ludewig u. a., Max Brod (1884–1968). Die Erfindung des Prager Kreises, 2016; A. Kilcher – E. Edelmann-Ohler, Deutsche Sprachkultur in Palästina/Israel. Geschichte und Bibliographie, 2017, s. Reg.; S. Schirrmeister, Begegnung auf fremder Erde. Verschränkungen deutsch- und hebräischsprachiger Literatur in Palästina/Israel nach 1933, 2019, s. Reg.; The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe (mit Bild, Zugriff 13. 1. 2024).
(Anna-Dorothea Ludewig)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)