Broinger, Rudolf (1910–1994), Archivar und Historiker

Broinger Rudolf, Archivar und Historiker. Geb. Linz (Oberösterreich), 8. 1. 1910; gest. 4. 8. 1994 (begraben: Wien); röm.-kath. Sohn des Kondukteurs Josef Broinger (geb. Neukirchen/Neukirchen an der Vöckla, Oberösterreich, 9. 8. 1871; gest. Linz, November 1912) und dessen Frau Theresia Broinger, geb. Huber (geb. Leonding, Oberösterreich, 6. 10. 1878); 1940–48 (Scheidung) verheiratet mit Johanna Broinger, geb. Hoffmann (geb. Wien, 9. 1. 1918). – Broinger absolvierte in Linz fünf Klassen Volksschule, drei Klassen Hauptschule und vier Klassen Untergymnasium. Auf die Matura bereitete er sich privat vor, die Reifeprüfung legte er 1931 als Externist am Bundes-Real- und Obergymnasium Klosterneuburg ab. Von Dezember 1928 bis November 1937 war Broinger beim „Wiener Kirchenblatt“ beschäftigt. Neben seiner Tätigkeit in der Erzdiözese Wien inskribierte er im Wintersemester 1931/32 an der Universität Wien. Er studierte zunächst klassische Philologie, ab dem Sommersemester 1936 Geographie und Geschichte. Seine Dissertation „Viktor Emanuel II. in Wien und die Wiener Presse. Eine zeitungswissenschaftliche Studie“ wurde 1939 von Wilhelm Bauer angenommen, im April 1940 erwarb er das Doktorat. Inzwischen war Broinger im November 1937 in den niederösterreichischen Landesdienst eingetreten. Er fand im Rechnungsdienst der Niederösterreichischen Landeshypothekenanstalt Beschäftigung, in der er auch nach dem „Anschluss“ 1938 verbleiben konnte. Broinger, der von 1933 oder 1934 bis 1938 Mitglied der Vaterländischen Front war, trat der NSDAP nicht bei, wurde jedoch im Juni 1938 Mitglied in der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Im März 1940 wurde Broinger erstmals zur Deutschen Wehrmacht einberufen. Er nahm am Westfeldzug teil und konnte das Militär Ende August 1940 wieder verlassen. Bald nach seiner Eheschließung erreichte er mit Anfang Februar 1941 die Überstellung in den gehobenen Dienst im Archiv des Reichsgaus Niederdonau. Wenige Wochen später, Anfang März 1941, wurde er abermals zur Wehrmacht eingezogen. Nach fast vier Jahren Kriegsdienst geriet er im Jänner 1945 in sowjetische Gefangenschaft, aus der er Ende September 1947 entlassen wurde. Nach einem Erholungsurlaub nahm er im November jenes Jahres seine Arbeit im nunmehrigen Niederösterreichischen Landesarchiv wieder auf. Er strebte die Aufnahme in den höheren Archivdienst an und absolvierte 1948–50 den 45. Ausbildungskurs des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. Als Thema seiner Abschlussarbeit wählte er „Die hochstiftlich passauischen Lehen im Lande unter der Enns. Zwei Querschnitte“. Die Staatsprüfung legte er im Juni 1950 ab. Ungeachtet seiner Ausbildung zum wissenschaftlichen Archivar wurde Broinger seit Juli 1948 in der Niederösterreichischen Landesbibliothek eingesetzt. In den 1950er-Jahren ordnete und katalogisierte er die Bibliothek, die der Historiker Dr. Edmund Friess der Stadt Waidhofen an der Ybbs vermacht hatte. Durch seinen außerordentlichen Diensteifer, seine Gewissenhaftigkeit und Verlässlichkeit war er bald die rechte Hand des Bibliotheksdirektors Josef König. Eine ähnliche Vertrauensstellung nahm Broinger im Verein für Landeskunde von Niederösterreich ein, dem er 1952 beigetreten war. Er fungierte bald als Schriftführer und erledigte für den Generalsekretär des Vereins, Archivdirektor Karl Lechner, die gesamte Verwaltungstätigkeit. 1970–73 stand Broinger selbst an der Spitze des Vereins. Als Lechner Ende 1962 in den dauernden Ruhestand versetzt wurde und um dessen Nachfolge interne Konflikte ausbrachen, wurde Broinger als Leiter des Niederösterreichischen Landesarchivs installiert. Durch zähe Überzeugungsarbeit gelang es ihm, die unzulänglichen Arbeitsräume seiner Mitarbeiter:innen zu verbessern und die drängenden Platzprobleme des Archivs zu lindern. Zu Jahresende 1975 erfolgte seine Pensionierung, worauf er sich vollkommen zurückzog. Broingers wissenschaftliche Verdienste lagen im bibliographischen Bereich: 1954–62 informierte er in der Zeitschrift „Unsere Heimat“ des Vereins für Landeskunde regelmäßig über Neuerscheinungen zu Niederösterreich und verzeichnete dabei auch unselbstständig erschienene Literatur. Er wurde damit zu einer Gründungsfigur der Niederösterreichischen Bibliographie, die über Jahrzehnte hinweg von Mitarbeiter:innen der Bibliothek und des 1978 geschaffenen Niederösterreichischen Instituts für Landeskunde ausgebaut wurde. Auch seine einzige biographische Studie beschäftigte sich mit einem Bibliothekar – mit „Generalstaatsbibliothekar Hofrat Dr. Friedrich Baumhackl“ (in: Heimat bist du großer Söhne. Gedenkbuch des Bezirkes Gänserndorf, 1963). Broinger erhielt 1969 das Silberne Komturkreuz für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich.

Weitere W.: Geschichtsschreibung und historische Dichtung, in: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. NF, 1953–54; Die Archive in Niederösterreich, in: Der Archivar 18, 1965.
L.: H. Feigl, in: Unsere Heimat 4, 1994, S. 284ff.; H. Feigl, in: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich, NF 72–74, 2006–08, S. 129ff.; F. Fellner – D. A. Corradini, Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert, 2006; Niederösterreichisches Landesarchiv, St. Pölten / Amt der NÖ Landesregierung, Landesamt, I/P NS-Fragebögen, I/P Personalakten Mikrofiche, Broinger Rudolf; Pfarre Linz-St. Matthias, Oberösterreich.
(Stefan Eminger)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)