Bronnen Arnolt, eigentlich Bronner Arnold Hans, Ps. A. H. Schelle-Noetzel, Schriftsteller. Geb. Wien, 19. 8. 1895; gest. Berlin, Deutsche Demokratische Republik (Deutschland), 12. 10. 1959; evang. AB, ab 1943 röm.-kath. Sohn von Martha, geb. Schelle, die aus Wolgast stammte, und →Ferdinand Bronner, Vater der Schriftstellerin Barbara Bronnen (geb. Berlin, Deutsches Reich/Deutschland, 19. 8. 1938; gest. München, Deutschland, 10. 8. 2019), Autorin von u. a. „Meine Väter“, 2012, und der Schauspielerin Franziska Bronnen (geb. Bamberg, Deutsches Reich/Deutschland, 7. 10. 1940); in 1. Ehe verheiratet mit Olga Bronnen (gest. 11. 4. 1935, Suizid), ab 1936 in 2. Ehe mit der Journalistin Hildegard Bronnen von Lossow. – Seine ersten Lebensjahre verbrachte Bronnen in Österreichisch-Schlesien. Ab 1900 lebte die Familie wieder in Wien, wo Bronnen das Gymnasium absolvierte und kurz vor der Matura das Drama „Das Recht auf Jugend“ (1913) schrieb. Er studierte 1913–14 Jus, meldete sich zu Beginn des 1. Weltkriegs freiwillig, absolvierte eine Offiziersschule und kam bei den Tiroler Kaiserjägern zum Einsatz. Nach einem lebensgefährlichen Kehlkopfschuss geriet er im Herbst 1916 in italienische Kriegsgefangenschaft, die er in verschiedenen Lagern auf Sizilien verbrachte; diese Zeit verarbeitete er in „Sturm gegen Gott“ (1918, später unter dem Titel „Sturmpatrull“). 1919 kehrte Bronnen nach Wien zurück, wo er Germanistik inskribierte, seinen Namen änderte und die Stücke „Vatermord“ und „Geburt der Jugend“ fertigstellte. Da seine Werke beim Verlag S. Fischer erscheinen sollten, übersiedelte er nach Berlin, arbeitete in einer Bank und danach zwei Jahre im Kaufhaus Wertheim. Mit „Vatermord“ erregte Bronnen großes Aufsehen, er freundete sich mit Bertolt Brecht an und galt bald als herausragender Vertreter einer jungen, expressionistischen Avantgarde. Die Uraufführung von „Vatermord“ in Frankfurt am Main geriet 1922 zu einem Theaterskandal und machte ihn über Nacht berühmt. Wie Brecht, mit dem er einige Bühnenstücke inszenierte, gehörte Bronnen zur Berliner Bohème der 1920er-Jahre, gab sich als Rebell und provozierte mit anarchisch-ekstatischen, von Friedrich Nietzsche beeinflussten, meist sexuell aufgeladenen und inhaltlich und formal innovativen Dramen. Mit dem Prosatext „Septembernovelle“ (1923), welcher gewalttätige homosexuelle Pädophilie mit religiösen Erweckungsfantasien verquickte, sorgte er für einen weiteren Skandal. In rascher Folge entstanden u. a. „Die Exzesse“ (1923), „Katalaunische Nacht“ (1924), „Rheinische Rebellen“ (1925, im besetzten Rheinland verboten), „Ostpolzug“ (1926) sowie das Drehbuch zum Film „S.O.S. Die Insel der Tränen“ (1923). Auch mit Prosatexten, wie „Film und Leben. Barbara La Marr“ (1928), war Bronnen erfolgreich. Darüber hinaus lieferte er zahlreiche Beiträge für Printmedien, u. a. den Montageroman „Der blaue Anker“ (1925) für den „Berliner Börsen-Courier“. Ab 1928 Dramaturg bei der Funk-Stunde AG Berlin, dem ersten deutschen Radiosender, engagierte sich Bronnen v. a. für die neue Kunstform des Hörspiels; als herausragend gilt seine Version von Heinrich Kleists „Michael Kohlhaas“ (1929). Erzürnt von den politischen Auswirkungen des 1. Weltkriegs, näherte er sich den Nationalsozialisten an, wodurch es zum Bruch mit Brecht kam. Mit den Romanen „O. S.“ (1929), der die Teilung Oberschlesiens thematisierte und heftige mediale Reaktionen evozierte, sowie „Roßbach“ (1930), der Romanbiografie eines Freicorpsführers, erweckte Bronnen die Aufmerksamkeit von Joseph Goebbels, zu dessen Entourage er bald gehörte. Nach der NS-Machtergreifung fungierte Bronnen 1933–35 als Programmleiter des Deutschen Kurzwellensenders. Gemeinsam mit 87 anderen Autor:innen unterzeichnete er ein „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ (1933) und fand Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer (RSK), obwohl die Werke „Vatermord“, „Septembernovelle“ und „Film und Leben. Barbara La Marr“ auf der „Schwarzen Liste“ (ab 1935 Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums) standen und die Reichsrundfunkgesellschaft (RGG) ihm kündigen wollte. Goebbels verhinderte dies, indem er ihn als Programmleiter im neugegründeten ersten deutschen Fernsehsender Paul Nipkow installierte. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde Bronnen 1937 aus der RSK ausgeschlossen, 1939 bestätigte Goebbels dies. 1940 verfügte die RGG, zu der der Fernsehsender ressortierte, Bronnens fristlose Entlassung. Er zog vor Gericht und legte eine eidesstattliche Erklärung seiner Mutter vor, nach welcher Bronner nicht sein Vater sei. Im Vaterschaftsprozess gelang ihm der Nachweis seiner „arischen“ Herkunft, sodass er 1941 wieder in die RSK aufgenommen wurde. Aufgrund massiver Anfeindung von Teilen der NSDAP-Führungsriege untersagte die RSK jedoch sowohl Aufführungen als auch Vertrieb seiner Werke bis zum Kriegsende. In der Folge war Bronnen in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt als Sonderbeauftragter der Abteilung Ausland des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) tätig, bis er im Sommer 1943 von der Gestapo einvernommen wurde. Daraufhin übersiedelte er nach Goisern, wo er Anschluss an eine Widerstandsgruppe fand, aber weiterhin als Sonderbeauftragter agierte. Im Sommer 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet, desertierte er zu Kriegsende. Da er Englisch sprach und trotz seiner NS-Vergangenheit in den regionalen Widerstand integriert war, avancierte er nach Kriegsende mit Zustimmung der Amerikaner zum Bürgermeister von Goisern (7. Mai bis 7. Juli 1945). Seit Herbst 1945 in Linz ansässig und Mitglied der KPÖ, verfasste er als Leiter der Kulturredaktion der kommunistischen „Neuen Zeit“ mehr als 500 Beiträge; seine Werke wurden wieder gespielt beziehungsweise neu aufgelegt. Während in Österreich kein einziger seiner Texte auf dem Index stand, waren in der sowjetische Zone Deutschlands „O. S.“ und „Roßbach“ sowie ab 1953 in der DDR „Kampf im Äther oder die Unsichtbaren“ (1935) verboten. Allerdings formierte sich in Österreich bald breiter Widerstand gegen Bronnen, der 1951–55 Dramaturg des von den Sowjets finanzierten Neuen Theaters in der Scala in Wien war. 1956 übersiedelte er – vermittelt von Brecht – nach Ostberlin, wo er als Theaterkritiker bei der „Berliner Zeitung“ unterkam. Doch auch in der DDR konnte er nicht wirklich reüssieren, sein zweimaliger ideologischer Frontenwechsel brandmarkte ihn als Opportunisten. 1973 läutete die Aufführung von „Die Exzesse“ in Wuppertal Bronnens Wiederentdeckung im Westen ein, das nie gespielte „Sturmpatrull“ wurde 1989 zu einem Musical adaptiert. Im selben Jahr veröffentlichte der Klagenfurter Verlag Ritter eine von Friedbert Aspetsberger edierte mehrbändige Werkausgabe.

) 