Brunner, Otto Heinrich (1898–1982), Historiker

Brunner Otto Heinrich, Historiker. Geb. Mödling (Niederösterreich), 21. 4. 1898; gest. Hamburg (Deutschland), 12. 6. 1982; röm.-kath., ab 1927 evang. AB. Sohn des Bezirksrichters Dr. Heinrich Brunner (geb. Kirchberg am Wagram, Niederösterreich, 17. 5. 1868; gest. 7. 7. 1900) und dessen Frau Flora Brunner, geb. Birringer (geb. Langenlois, Niederösterreich, 24. 11. 1876; gest. 1963), Stiefsohn des Offiziers Josef Eder; ab 1927 verheiratet mit Dr. Stephanie Brunner, geb. Staudinger (geb. 22. 9. 1897; gest. 3. 12. 1985). – Brunner verbrachte seine Kindheit und die ersten Schuljahre in Langenlois, wohin die Familie nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelt war. Das Gymnasium besuchte er zunächst in Wien-Währing (1908/09), nach der neuerlichen Eheschließung seiner Mutter und der Versetzung seines Stiefvaters nach Iglau und Brünn setzte er den Schulbesuch dort fort. Nach der Matura (1916) absolvierte Brunner den Militärdienst zunächst als Einjährig-Freiwilliger im Schützenregiment Nr. 21, 1917/18 dann an der Isonzo-Front. Im Zuge der Auflösung des Habsburgerreichs wurde er im Rang eines Leutnants im Oktober 1918 in St. Pölten entlassen. Zum Wintersemester 1918/19 nahm Brunner an der Universität Wien das Studium der Geschichte, Geographie und Kunstgeschichte auf, das er 1922 mit der Arbeit „Zur ältesten Goldprägung in Österreich“ abschloss. Daneben absolvierte er 1921‒23 den Vorbereitungskurs am Österreichischen Institut für Geschichtsforschung (1938‒45 Institut für Geschichtsforschung und Archivwissenschaften, ab 1945 Institut für österreichische Geschichtsforschung, im Folgenden alle IÖG), wo er mit der von →Oswald Redlich und Alfons Dopsch begutachteten Dissertation „Österreich und die Walachei während des Türkenkrieges von 1683–1699“ promoviert wurde. Danach arbeitete Brunner zunächst als unbezahlter Volontär und ab 1926 als beamteter Unterstaatssekretär am Haus-, Hof- und Staatsarchiv. 1929 habilitierte er sich mit der Arbeit „Die Finanzen der Stadt Wien von den Anfängen bis ins 16. Jahrhundert“. Im selben Jahr erfolgte die Verleihung der Privatdozentur, ehe er im Oktober 1931 zum ao. Professor für mittelalterliche und österreichische Geschichte an der Universität Wien und zum Mitglied des Lehrkörpers des IÖG ernannt wurde. Nach dem Tod von →Hans Hirsch übernahm Brunner 1940 zunächst kommissarisch, ab 1942 offiziell die Leitung des IÖG, die er bis zur Suspendierung im Mai 1945 aufgrund seiner im Februar 1944 rückwirkend zum 1. Jänner 1941 erfolgten Aufnahme in die NSDAP innehatte. Von April 1942 bis Juni 1944 war Brunner zum Militärdienst bei der Luftwaffe in Tulln abkommandiert. Seine wissenschaftliche Arbeit kam in dieser Zeit weitgehend zum Erliegen. Das populärwissenschaftliche Buch „Der Schicksalsweg des deutschen Volkes“ gelangte aufgrund der Kriegswirren nicht mehr in den Druck. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Brunner als „minderbelastet“ eingestuft, doch blieb ihm die Rückkehr auf ein akademisches Lehramt in Österreich verwehrt. Nach seiner Pensionierung 1949 und neunjähriger Existenz als Privatgelehrter wurde er 1954 auf die Professur für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Hamburg berufen. Dort gelang ihm in kurzer Zeit eine zweite akademische Karriere, die ihn 1959/60 ins Amt des Rektors der Universität führte; 1966 Emeritierung. Brunners wissenschaftliches Werk umfasst ein weites Spektrum von Forschungsfeldern, das von anfänglichen wirtschafts- und finanzgeschichtlichen Studien im Rahmen der Stadtgeschichtsforschung bis zur Mitbegründung der modernen Sozialgeschichte reicht. In seinem Hauptwerk „Land und Herrschaft. Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Südostdeutschlands im Mittelalter“ (1939) begründet er sein methodisches Postulat, vormoderne Struktur- und Geschehenszusammenhänge nicht mit modernen Begriffen, sondern unter Rückgriff auf die Sprache der Quellen zu beschreiben. Das Buch löste eine bis heute andauernde Debatte aus, in der neben fachlichen Einzelaspekten wie dem neuartigen Begriff des „Landes“ v. a. völkisch-nationalsozialistische Theoreme in die Kritik gerieten, von denen Brunner sich jedoch in der 4. Auflage (1959) distanzierte. Sein Blick auf die Historizität politisch-sozialer Kategorien gab gleichwohl wegweisende Impulse für die sozialhistorische Begriffsgeschichte. In seinem Buch „Adeliges Landleben und europäischer Geist“ (1949) vollzieht Brunner die Abkehr von seinem völkischen Germanozentrismus und eröffnet mit seinem „Alteuropa“-Konzept („von Homer bis Goethe“) einen neuen Denkhorizont posttotalitärer Traditionsvergewisserung. Mit seinen methodischen Anregungen und seiner über die Geschichtswissenschaft hinausreichenden Wirkung in der Wirtschaftsgeschichte, den Sozialwissenschaften und der Rechtswissenschaft gehört er zu den einflussreichsten deutschsprachigen Historikern des 20. Jahrhunderts. Brunner war Mitglied zahlreicher Akademien, historischer Kommissionen und Vereine: Akademischer Verein deutscher Historiker (1919), Verein für Geschichte der Stadt Wien (1919), Verein für Landeskunde von Niederösterreich (1919), Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (1932), Akademie der Wissenschaften in Wien (1939, später erneut Österreichische Akademie der Wissenschaften), Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1952), Ranke-Gesellschaft. Vereinigung für Geschichte im öffentlichen Leben e. V. (1952), Südostdeutsche Historische Kommission (1954), Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz (1955), Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften (1955), Verein für Hamburgische Geschichte (1958), Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (1959), Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (1960 Ehrenmitglied), Historische Kommission des Landes Niedersachsen (1963), Verein für Landeskunde von Niederösterreich (1964 Ehrenmitglied), Verband der Historiker Deutschlands. 1963 wurde ihm die Festschrift „Alteuropa und die moderne Gesellschaft“ gewidmet, im selben Jahr erhielt er die Ehrendoktorwürde der Sozialwissenschaften in Münster, 1968 jene der Jurisprudenz in Heidelberg. Daneben wurden Brunner zahlreiche weitere Auszeichnungen verliehen, etwa der Verdun-Preis (1941), die Theodor-Georg-Ritter-von-Karajan-Medaille des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (1978), die Lappenberg-Medaille des Vereins für Hamburgische Geschichte (1967) oder der Wissenschaftspreis des Landes Niederösterreich (1975).

Weitere W.: Das Wiener Bürgertum. Eine historisch-soziologische Skizze, in: Monatsblatt des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 50, 1933; Zum Problem der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, in: Zeitschrift für Nationalökonomie 7, 1936; Österreich, das Reich und der Osten im späten Mittelalter, in: Österreich. Erbe und Sendung im deutschen Raum, ed. J. Nadler ‒ H. v. Srbik, 1936; Politik und Wirtschaft in den deutschen Territorien des Mittelalters (Vortrag auf dem Erfurter Historikertag), in: Vergangenheit und Gegenwart 27, 1937; Das österreichische Institut für Geschichtsforschung und seine Stellung in der deutschen Geschichtswissenschaft, in: MIÖG 52, 1938; Österreichs Weg zum Großdeutschen Reich, in: Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung 2, 1938; Die Rechtsquellen der Städte Krems und Stein, 1953; Moderner Verfassungsbegriff und mittelalterliche Verfassungsgeschichte, in: MIÖG Erg.bd. 14, 1939, Neufassung in: Herrschaft und Staat im Mittelalter, ed. H. Kämpf, 1956; Sozialgeschichtliche Forschungsaufgaben, erörtert am Beispiel Niederösterreichs, in: Anzeiger der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. 85, 1948; „Feudalismus“. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte, in: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz 10, 1958; Der Historiker und die Geschichte von Verfassung und Recht, in: Historische Zeitschrift 209, 1969; Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte, 1968; Sozialgeschichte Europas im Mittelalter, 1978. ‒ Ed.: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, 8 Bde., 1972‒97 (gemeinsam mit W. Conze ‒ R. Koselleck).
L.: O. G. Oexle, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 71, 1984, S. 305ff.; Annali dell'Istituto storico italo-germanico in Trento 13, 1987; M. Weltin, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung 107, 1990, S. 339ff.; G. Algazi, Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter, 1993; J. V. H. Melton, in: Paths of Continuity. Central European Historiography from the 1930s to the 1950s, ed. H. Lehmann u. a., 1994, S. 263ff.; H. Quaritsch, in: Staat und Recht. Festschrift für Günther Winkler, ed. H. Haller u. a., 1997, S. 825ff.; R. Blänkner, in: Volksgeschichten im Europa der Zwischenkriegszeit, ed. M. Hettling, 2003, S. 326ff.; M. Stoy, Das Österreichische Institut für Geschichtsforschung 1929‒1945, 2007, s. Reg.; H.-H. Kortüm, in: Handbuch der völkischen Wissenschaften 1, 2. Aufl., ed. M. Fahlbusch u. a., 2017, S. 93ff.; R. Blänkner, in: Österreichische Historiker. Lebenslauf und Karrieren 1900‒1945, 3, ed. K. Hruza, 2019, S. 439ff.; I. Consolati, Dominare tempi inquieti. Storia costituzionale, politica e tradizione europea in Otto Brunner, 2020; R. Blänkner, in: Reinhart Koselleck als Historiker, ed. M. Hettling ‒ W. Schieder, 2021, S. 112ff.; Archiv der ÖAW / PA Otto Brunner; ÖStA Wien / AdR Gauakt Brunner, Sign: 38136; ÖStA Wien / AdR Bundesministerium für Unterricht: PA Otto Brunner; UA Wien / PA Otto Brunner; WStLA / Gauakt Otto Brunner; Pfarre Mödling-St. Othmar, Niederösterreich; Staatsarchiv Hamburg / NL Otto Brunner.
(Reinhard Blänkner)   
Zuletzt aktualisiert: 15.7.2024  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 12 (15.07.2024)