Kossuth von Udvard und Kossut, Lajos (1802-1894), Politiker

Kossuth von Udvard und Kossut Lajos, Staatsmann. * Monok, Kom. Zemplin (Ungarn), 19. (?) 9. 1802; † Turin, 20. 3. 1894. Stammt aus einer wenig begüterten evang. Familie des ung. Kleinadels slowak. Ursprungs; Vater des Vorigen; betrieb jurid. Stud. und wurde Rechtsanwalt. Seine redner. und agitator. Begabung ebnete ihm den Weg zur Journalistik. 1832–35 gab er eine geschriebene Ztg. über die Verhandlungen des ung. Landtages heraus („Országgylűési Tudósítások“). Wegen seiner oppositionellen Haltung wurde er zu vier Jahren Kerker verurteilt, nach drei Jahren begnadigt. 1841 begann er mit der Hrsg. eines eigenen Bl., des „Pesti Hirlap“, welches zum Sprachrohr der ung. Opposition wurde und dessen Kennzeichen Liberalismus, Nationalismus und Radikalismus waren. In der Folge suchte K. die Lehren von F. List auf Ungarn anzuwenden und durch die Schutzvereinsbewegung Handel und Industrie seines Heimatlandes zu heben, dieses aber gleichzeitig von Österr. wirtschaftlich unabhängig zu machen. 1844 verlor er sein Bl. Einen Vorschlag Metternichs, seine gewandte Feder in den Dienst der Regierung zu stellen, lehnte er ab. K. wirkte weiter im Sinne der Reformbewegung, die u. a. die Lasten der Bauern beseitigen, jedoch nicht bis zu einer allg. Grundverteilung vordringen wollte. 1847 wurde er in den ung. Landtag gewählt. Seine große Rede im Ständehaus zu Preßburg am 3. 3. 1848 mit dem Ruf nach einer Konstitution wurde auch in Österr. zur „Taufrede der Revolution“. K. begab sich mit einer ung. Deputation nach Wien, am 17. 3. trat er als Finanzmin. in die konstitutionelle Regierung Batthyány (s. d.) ein, deren führender Mann er wurde. Sein Hauptziel, die Unabhängigkeit Ungarns von Österreich und der Habsburgerdynastie auf diesem Wege zu erreichen, erwies sich als undurchführbar, fand auch an der Haltung der Nationalitäten innerhalb des ung. Staatsverbandes seine Schranken. Wohl gelang es, eine schlagkräftige, aber doch nicht ausreichende Nationalarmee aus dem Boden zu stampfen und K. trat am 28. 9. 1848 als Vorsitzender an die Spitze des Landesverteidigungsausschusses. Der Feldzug gegen die k. Truppen im Frühjahr 1849 verlief anfangs erfolgreich, am 14. 4. kam es zur Absetzung des Herrscherhauses in Debreczin. Dann wandte sich aber das Blatt, wobei Gegensätze K.s zu den militär. Führern Görgey (s. d.) und Klapka (s. d.) mitspielten. Als nachteilig erwies sich auch die Härte, mit der K. die intolerante Einstellung der magyar. polit. Nation gegenüber den anderen Nationalitäten vertrat. In einen besonders scharfen Gegensatz geriet er zu den Siebenbürger Sachsen, denen er eine Mitschuld an der russ. Intervention zuschrieb. Nachdem er die gesamte Befehlsgewalt an Görgey übergeben hatte, mußte sich K. im August 1849 zur Flucht in die Türkei entschließen, wo er in Widdin, Schumla, zuletzt in Kutahia (Kleinasien) interniert wurde. Nur mit Mühe entging er einem Mordanschlag, auch mußte er eine Auslieferung an Österr. gewärtigen. Erst nach 2 Jahren öffnete sich ihm dank der Sympathien Großbritanniens und der Vereinigten Staaten ein Weg nach dem Westen zur selben Zeit, als er in Budapest in effigie hingerichtet wurde. In der Emigration verfolgte er das Ziel, die ung. Frage zu einer europ. zu machen, zugleich aber finanzielle und militär. Vorbereitungen für einen Aufstand in Ungarn zu treffen. Obwohl Ausländer, durfte er im amerikan. Senat sprechen. In London trat er mit Mazzini und dem revolutionären Zentralkomitee in Verbindung, warnte aber vor jeder Übereilung. Auch zu Garibaldi und Cavour spann er Fäden. Eine gleichzeitige Erhebung in der Lombardei und in Ungarn lag im Bereich des Möglichen, sein Gedanke einer von außen unterstützten Revolution in der Habsburgermonarchie fand aber bei den Westmächten nur gedämpften Widerhall. Auch eine Fühlungnahme mit Napoleon III. blieb 1859 ergebnislos. K. sah die Gefahr des Panslawismus heraufziehen, meinte aber, daß man zur Abwehr die Donaumonarchie nicht erhalten dürfe, sondern zerstören müsse. In diesem Zusammenhang dachte er an eine Föderation der kleinen Völker im Donauraum (Ungarn, Rumänien, Südslawen, jedoch ohne Böhmen und Mähren) mit Ausschluß Österr. Den Ausgleich von 1867 lehnte er ab, er mußte damit seine letzte Hoffnung auf die Selbständigkeit Ungarns begraben. Wohl folgten noch nahezu 3 Jahrzehnte einer regen publizist. und literar. Tätigkeit, freilich gekennzeichnet durch die Rolle eines polit. Emigranten, dessen Pläne gescheitert waren und der die Ursache nicht bei sich, sondern bei Menschen und Dingen, die sich ihm entgegengestellt hatten, suchte. Auf eine Rückkehr in die Heimat, die ihm nach 1867 möglich gewesen wäre, verzichtete K., den selbst Metternich einen „großen und höchst gefährlichen Staatsmann der Revolution“ nannte, bewußt. Trotz vieler persönlicher Schwächen verstand er nicht nur seine Mitwelt zu faszinieren, er wurde über Generationen hinweg zum Heros seiner Nation.

W.: K. L. iratai (Schriften), 13 Bde., 1880–1911; Meine Schriften aus der Emigration, 3 Bde., 1880–89; K. L. összes munkái (Sämtliche Werke), Bd. 1–6, 11–15, 1948–66; etc.
L.: E. Somogyi, L. K., 1894; Gy. Viszota, Gr. Széchenyi István írói és hirlapi vitája K. L.-al (Gf. 1. Sz.s literar. und journalist. Diskussion mit L. K.), 2 Bde., 1927–30; I. Hajnal, A K. emigráció Törökországban (K.s Emigration in der Türkei), 1927; E. Kastner, Mazzini e K., 1929; D. Jánossy, Die Geheimpläne K.s für einen zweiten Befreiungsfeldzug in Ungarn, 1849–54, in: Jb. des Inst. für ung. Geschichtsforschung in Wien, Bd. 6, 1936; D. Jánossy, A K. emigráció Angliában és Amerikában (K.s Emigration in England und Amerika), 2 Bde., 1940–48; D. Kosáry, K. és a Védegylet (K. und der Schutzver.), 1942; C. Benda, K. et la coopération entre les peuples danubiennes, in: Revue ďHistoire Comparée, 1946; D. Kosáry, K. L. a reformkorban (L. K. im Reformzeitalter), 1946; Emlékkönyv K. L. születésének 150. évfordulójára (Gedenkbuch zum 150. Geburtstag), 2 Bde., 1952; I. Barta, Die Anführer des ung. Freiheitskampfes und die Wr. Oktoberrevolution, in: Acta Historica, 1952; Gy. Spira, L’alliance de L. K. avec la gauche radicale et les masses populaires de la révolution hongroise de 1848–49, ebenda, 1953; Gy. Ember, L. K. á la téte du comité de la defénse nationale, 1953; E. Andics, K. en lutte contre les ennemies des réformes et de la révolution, 1954; J. Révai, K. L., in: J. Révai, Marxizmus, népiesség, magyarság (Marxismus, Volkstum, Ungartum), 1955; L. Lukács–Gy. Mérei–Gy. Spira, K. L., 1952; Gy. Spira, A magyar forradalom 1848–49-ben (Die ung. Revolution von 1848–49), 1959; J. Koltay-Kastner, A K. emigráció Olaszországban (K.s Emigration in Italien), 1960; Gy. Szabad, K. and the Britain „Balance of Power“ Policy, 1960; R. Kann, Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie, 2 Bde., 1964; I. Barta, A fiatal K. (Der junge K.), 1966; Pallas 10; Révai 9; Szinnyei 6; Új M. Lex. 4; Wurzbach; Mitt. des Hist. Inst. der Ung. Akad. der Wiss., Budapest.
(Goldinger)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 17, 1967), S. 152f.
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