Vocel (Wocel), Jan Erazim (Johann Erasmus) (1802–1871), Historiker, Archäologe und Schriftsteller

Vocel (Wocel) Jan Erazim (Johann Erasmus), Historiker, Archäologe und Schriftsteller. Geb. Kuttenberg, Böhmen (Kutná Hora, CZ), 23. 8. 1802; gest. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 16. 9. 1871. Sohn eines Bäckermeisters und späteren Magistratsbeamten. – V. absolv. in seiner Geburtsstadt die Normalschule und wechselte 1819 an das Prager Piaristengymn. Ab 1822 besuchte er die phil. Jgg. (zugleich hörte er auch landwirtschaftl. Vorlesungen am Polytechnikum), unterbrach das Stud. aber und ging nach Wien, wo er als Erzieher von Eugen Czernin v. Chudenitz bzw. der Söhne von Irene Marquise v. Pallavicini wirkte. In den späten 1820er-Jahren versuchte er mehrmals (erfolglos) die phil. Jgg. fortzusetzen. 1830–35 war V. Erzieher der Söhne von Leopold Gf. v. Sternberg, dann in der Familie von Rosina Fürstin Salm-Salm, Tochter von Leopold v. Sternberg, die abwechselnd in Mähren und Wien lebte, 1836–39 wirkte er in derselben Eigenschaft auf den Salm-Salm’schen Gütern in Westfalen und in den Niederlanden. In Brünn knüpfte V. auch Kontakte zu mähr. patriot. Intellektuellen. 1839 war er kurze Zeit Lehrer bei den Gf. Kálnoky v. Kőröspatak in Lettowitz, danach Erzieher in der Familie von Franz Ernst Gf. v. Harrach, mit der er in verschiedenen Orten Böhmens, aber auch in Dresden, Wien, Bruck an der Leitha und Aschach an der Donau lebte. Er unternahm zudem mehrere Reisen nach Italien, Ungarn und Galizien. 1842 nach Prag übersiedelt, beteiligte sich V. – auf Vermittlung →František Palackýs – von Beginn an am kulturellen und wiss. Leben der Stadt. 1843–50 war er Red. des „Časopis Českého museum“, 1846 wurde er o. Mitgl. der kgl. böhm. Ges. der Wiss. (1849–50, 1861–62 deren Vors.), Gründer und Geschäftsführer des archäolog. Kollegiums (1854–71 dessen Vors.) und Mitgl. des Ver. für Verbreitung der tschech. Literatur (Sbor pro vzdělávání řeči a literatury české), die beide beim Böhm. Nationalmus. angesiedelt waren. 1848 engagierte sich V. polit. als Abg. zum RT auf tschech. Seite sowie als kultureller und polit. Publizist; er propagierte v. a. die Gleichstellung beider Landessprachen im Schulwesen („O zvelebení středních škol“, in: Časopis Českého mus., 1849). Nach 1850 nur noch wiss. und pädagog. tätig, wirkte er als Prager Konservator in der Central-Comm. zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, wurde 1850 erster ao. Prof., 1862 o. Prof. der Archäol. und Kunstgeschichte an der Univ. Prag und hielt auch Vorlesungen über tschech. Literatur, Numismatik, Paläographie und Ästhetik. In den 1860er-Jahren versuchte V. weiterhin, die Gleichstellung beider Sprachen an der Univ. durchzusetzen. Er pflegte zahlreiche Kontakte mit dt., österr. und skandinav. Gelehrten und war Mitgl. mehrerer wiss. Ges. und Akad. (u. a. ab 1851 k. M. der k. Akad. der Wiss. in Wien, ab 1852 der Kongelige Nordiske Oldskriftselskab in Kopenhagen, Mitgl. des Ausschusses des German. Nationalmus. in Nürnberg). Mit seinem umfangreichen Schaffen zählt V. zu den führenden Persönlichkeiten des böhm. Geisteslebens um die Mitte des 19. Jh. Er beschäftigte sich in einer noch romantisierenden Weise mit der Archäol. der Urzeit sowie des frühen Mittelalters in Böhmen und schrieb mehrere Abhh. über die böhm. Kunstgeschichte und Malerei des Mittelalters. In seiner Publizistik (u. a. „Die Westslawen und die böhmische Literatur“, in: Augsburger Allg. Ztg., 1839; „Budoucnost české národnosti“, in: Časopis Českého mus., 1847) reflektierte er die zeitgenöss. tschech. Kultur und ihre Bestrebungen in polem. Auseinandersetzung mit der dt. Publizistik. V. schrieb außerdem ep. Ged. und Erz., zunächst v. a. in dt. Sprache (in „Der Jugendfreund“, „Wiener Gesellschafter zur Erheiterung für Gebildete“ auf Vermittlung von →Carl Frh. v. Hock), ab Ende der 1830er-Jahre ausschließl. auf Tschech. (u. a. in „Časopis Českého museum“, „Horník“, „Kwěty“), in denen die brisanten Themen der böhm. Geschichte (Hussitismus, Přemyslidenzeit, Rudolf II.) als polit., moral. und zunehmend auch nationaler Widerstand zu verstehen waren. Gelegentl. war V. zudem als Dramatiker und Übers. (aus dem Dän.) tätig. Die ihm zugeschriebene polem. Schrift „Slawen, Russen, Germanen“ (1843) ist nicht seine Arbeit. 1861 wurde er Kommandeur des dän. Dannebrog-Ordens.

Weitere W. (s. auch LČL; Wurzbach): Harfa, 1825; Přemyslowci, 1839; Meč a kalich, 1843; Grundzüge der böhm. Alterthumskde., 1845; Pravěk země české, 2 Bde., 1866–68. – Teilnachlässe: UA, Literární archiv PNP, beide Praha, Státní okresní archiv Kutná Hora, alle CZ.
L.: Bohemia, Národní listy, Pokrok, Politik, Posel z Prahy, Pražský deník, 17., WZ, 19. 9. 1871; Adlgasser; LČL (m. W.); Masaryk; Otto; Rieger; Wurzbach (m. W.); Květy 6, 1871, S. 311ff.; Světozor 5, 1871, S. 452; J. Barák, in: Svoboda 5, 1871, S. 409ff.; K. Šmídek, in: Osvěta 5, 1875, S. 197ff.; ders., in: Časopis matice Moravské 8, 1876, S. 76ff.; J. Vlček, Několik kapitolek z dějin naší poesie, (1898), S. 106ff.; J. Vrchlický, in: Časopis musea království českého 77, 1903, S. 1ff.; E. Leminger, ebd. 95, 1921, S. 1ff.; V. Novák, in: Nové Čechy 5, 1921, S. 219ff.; L. Niederle u. a., J. E. V., 1922 (m. B.); A. Kraus, Ročenka ústavu skandinavského a nizozemského v Praze za rok 1936, (1937), S. 31f.; E. Vlasák, in: Středočeský sborník historický 9, 1974, S. 209ff.; K. Sklenář, J. E. V., 1981 (m. B.); K. Benda, in: Kapitoly z českého dějepisu umění 1, 1986, s. Reg.; J. Hedvičáková, in: Naše řeč 76, 1993, S. 83ff.; J. Štaif, Obezřetná elita, 2005, s. Reg.; F. Kutnar – J. Marek, Přehledné dějiny českého a slovenského dějepisectví, 3. Aufl. 2009, s. Reg.; I. Krejčová, in: Germanoslavica 22, 2011, S. 30ff.; J. Marek, in: Stud. o rukopisech 45, 2015, S. 79ff.
(V. Petrbok)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 68, 2017), S. 308f.
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