Arbes, Jakub (Jakob); Ps. Svoboda Jan, Vítěz Hugo, Kdosi od nás, Jan Vítovec, Justicius Pravda, J. J. Merklínský etc. (1840–1914), Schriftsteller und Journalist

Arbes Jakub (Jakob), Ps. Svoboda Jan, Vítěz Hugo, Kdosi od nás, Jan Vítovec, Justicius Pravda, J. J. Merklínský etc., Schriftsteller und Journalist. Geb. Smichow, Böhmen (Praha, CZ), 12. 6. 1840; gest. ebd., 8. 4. 1914. Sohn eines Schusters, Vater von Olga Arbesová (1868–1940), die seine gesammelten Werke herausgab; ab 1867 mit der Schneiderin Josefine Arbesová, geb. Rabochová (1843–1912), verheiratet. – Nach dem Besuch der Realschule (1854–56) und der Oberrealschule, wo →Jan Neruda zu seinen Lehrern gehörte, studierte A. ab 1859 kurz am Prager Polytechnikum und widmete sich auch dem Studium der Philosophie, Literatur, Ästhetik sowie der Mathematik und Naturwissenschaften an der Prager Universität. Er war als freier Publizist bei mehreren Zeitschriften („Humoristické listy“, „Lumír“, „Zlatá Praha“) und Zeitungen („Národní listy“) tätig, engagierte sich im Vereinswesen in Smichow und befreundete sich u. a. mit →Josef Barák, Neruda und weiteren tschechischen Vertretern der Prager Gesellschaft. Erfolglos um eine feste Anstellung bemüht (1866 Protokollist beim Smichower Stadtrat, 1867 Amtsdiener in Jungbunzlau), war er 1867 kurz Redakteur bei der Zeitschrift „Hlas“ und später bei der Kuttenberger „Vesna kutnohorská“. 1868–77 schrieb A. Beiträge zur Lokalpolitik und Gerichtsreportagen für die „Národní listy“, während der politischen Spannungen in Böhmen 1869–73 als verantwortlicher Redakteur; ab September 1873 wurde er 13 Monate wegen kritischer Berichterstattung über das Kaiserhaus in Böhmisch Leipa gefangen gehalten. 1876–78 arbeitete A. als Dramaturg am Interimstheater. Bereits 1877 als Redakteur entlassen, war er mit kurzer Unterbrechung (1878–79 Redakteur der „Politik“) als freier Publizist und Schriftsteller tätig; sein eigenes Publikationsorgan, die satirische Zeitung „Šotek“ (1880–83), wurde nach drei Jahren eingestellt. Als Schriftsteller war A. stark vom Milieu seines Geburtsorts, einer sich industriell rasch entwickelnden Prager Vorstadt, beeinflusst. In seiner Belletristik verbindet er Gesellschaftskritik, Interesse an den irrationalen Seiten der menschlichen Existenz und Bewunderung für technische Errungenschaften. In seinen frühen Erzählungen wendet er sich sozialen und ethischen Themen zu. A. führte in der tschechischen Literatur das sogenannte romaneto ein, das die Novelle mit der Gattung des Romans verbindet. Das zentrale Motiv wird in einer realistischen Sichtweise dargestellt, die fantastische Handlung endet mit einer überraschenden Pointe. Diese sehr beliebte Gattung, die auch als Prototyp der Science-Fiction-Literatur gilt, verwendete A. v. a. für (Alt-)Prager Themen („Svatý Xaverius“, 1878; „Sivooký démon“, 1878; „Newtonův mozek“, 1878; „Zázračná madona“, 1884; „Vymírající hřbitov“, 1902). In seinen Romanen widmet er sich überwiegend sozialen und historischen Themen („Akrobati“, 1878; „Moderní upíři“, 1882; „Kandidáti existence“, 1886), oft mit autobiographischen („Mesiáš“, 1883; „Anděl míru“, 1890) und fantastischen („Poslední dnové lidstva“, 1895) Elementen. Seine zahlreichen kulturhistorischen Studien und Feuilletons zeigen seine Faszination für die Psyche geheimnisvoller Individuen wie Künstler oder Sonderlinge. A. verfasste weiters satirische Gedichte, antiklerikale („Pravda o svatém Janu Nepomuckém“, 1873) und politische Schriften („Pláč Koruny české neboli Nová perzekuce …“, 1870; „J. Ex. hrabě František Thun z Hohensteina, c. k. místodržící v království Českém …“, 1895; „Persekuce lidu českého v letech 1869–1873 …“, 1896). Er war lange als Theaterrezensent tätig („Česká Thalia“, „Divadelní list“, „Divadelní listy“, „Hlas národa“), übersetzte Theaterstücke (August von Kotzebue, Julius Rosen, Franz von Schönthan, Henrik Ibsen, Alphonse Daudet, Victorien Sardou) und beschäftigte sich auch mit der Geschichte Prags. Seine nonkonformistische und unabhängige Position sowie sein Interesse an sozialen Fragen und seine große Bandbreite an kulturellen Themen verschafften ihm bei der jüngeren Dichtergeneration (Tischgesellschaft Mahábhárata) sowie in der breiteren tschechischen Gesellschaft, u. a. bei der Arbeiterschaft, großes Ansehen. Trotz seiner Erblindung war er mit Hilfe seiner Tochter noch bis zuletzt literarisch tätig. Ab 1889 Vorstandsmitglied der literarischen Sektion des Vereins Umělecká beseda, engagierte er sich außerdem im Vorstand des Journalisten-Fördervereins Spolek českých journalistů beziehungsweise des Schriftstellerverbands Máj (1887). 1890 wurde A. korrespondierendes, 1901 ordentliches Mitglied der Böhmischen Kaiser Franz Joseph-Akademie der Wissenschaften, Literatur und Kunst in Prag.

Weitere W. (s. auch LČL; Diló J. A. 36): Sebrané spisy, 40 Bde., ed. O. Arbesová, 1902–16; Dílo J. A., 36 Bde., ed. K. Polák – K. Krejčí, 1940–81; Romaneto v listech. Korespondence z let 1867–92, ed. J. Janáčková, 2010. – Nachlass: Literární archiv PNP, Praha, CZ.
L.: Národní listy, Prager Abendblatt, 8. 4. 1913; Právo lidu, 9., 12., Samostatnost (mit Bild), 9., Dělnické listy, 11. 4. 1914; BSČZ; LČL (mit W.); Ludvová; Masaryk; Otto; Otto, Erg.Bd.; F. X. Šalda, in: Česká kultura 2, 1913/14, S. 263ff.; V. Dyk, in: Lumír 42, 1913/14, S. 282f.; A. Vyskočil, in: Přehled 12, 1913/14, S. 454f.; F. V. Vykoukal, in: Osvěta 44, 1914, S. 865f. (mit Bild); J. Vozka, Vítězná cesta na Parnas. J. A. 1840–1914, 1940 (mit Bild); K. Krejčí, J. A. Život a dílo, 1946 (mit Bild); Kapitoly o J. A., ed. K. Krejčí, 1955; K. Krejčí u. a., J. A. a Česká Lípa, 1964; J. Moravec, J. A., 1966 (mit Bild); J. Janáčková, A. romaneto, 1975; J. A. novinář, ed. J. Janáčková, 1987 (mit Bild); B. Plánská, in: Sborník Pedagogické fakulty v Českých Budějovicích, Vědy společenské, Filologie, 1987, S. 5; F. Všetička, J. A., 1993; Z. Vyhlídal, J. A. jako literární vědec, 2002; J. Janáčková – M. Sendlerová, in: J. A., Romaneta, 2006, S. 625ff.
(V. Petrbok)   
Zuletzt aktualisiert: 27.11.2017  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 6 (27.11.2017)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 28
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