Fleischer, Max (1841–1905), Architekt und Maler

Fleischer Max, Architekt und Maler. Geb. Prossnitz, Mähren (Prostějov, CZ), 29. 3. 1841; gest. Wien, 18. 12. 1905; mos. Außerehelicher Sohn von Betti Fleischer; ab 1874 in 1. Ehe mit Regine Therese Beck, 1905 in 2. Ehe mit Ernestine Wellim verheiratet. – Nach Absolvierung der Realschule in Olmütz besuchte F. 1859–64 in Wien das polytechnische Institut und anschließend bis 1870 die Akademie der bildenden Künste bei →Eduard van der Nüll, →August Sicard von Sicardsburg, →Karl Roesner und →Friedrich Freiherr von Schmidt (1867 und 1869 erhielt er den Pein-Preis). Nach Abschluss des Studiums war er im Atelier von Schmidt tätig, wo er v. a. als einer der Bauleiter beim Neubau des Rathauses eingesetzt war. 1887 machte F. sich selbstständig und erhielt als aktives Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde (ab 1880 Vorstandsmitglied) Aufträge für zahlreiche Synagogenneubauten in Wien und den Ländern der Monarchie. Wohl von seinem ehemaligen Lehrer Schmidt beeinflusst, bevorzugte er zumeist den Sichtziegelbau und neogotische Formulierungen, sodass die Außengestaltungen der Synagogen weitgehend dem katholischen Kirchenbau angenähert erscheinen (Synagoge Budweis, 1888). Bei der Innenraumgestaltung legte er großen Wert auf eine gute Sicht zum Altarraum und war in diesem Zusammenhang ein Befürworter des modernen Materials Eisen, das die Herstellung dünner Stützen ermöglichte. Im Auftrag der Israelitischen Kultusgemeinde war er zudem für die Errichtung des Mädchen-Waisenhauses in Wien 19 (1889–91) verantwortlich. F. gestaltete darüber hinaus eine Reihe von bedeutenden Grabmälern in der Alten Israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs (Grabmal →Wilhelm von Gutmann, 1895; sein eigenes Grabmal, 1904). Er war weiters ein gefragter Architekt für Villen, Wohn- und Geschäftsbauten. Bei diesen bevorzugte er Formen der Renaissance (Mietshaus, 1894, Wien 9). F. publizierte insbesondere über den Synagogenbau eine Reihe von Artikeln in Fachzeitschriften und hielt auch Vorträge. Er war ab 1865 Mitglied der Wiener Bauhütte, ab 1870 des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins, ab 1871 der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus) und Mitinitiator der Gesellschaft zur Sammlung jüdischer Kulturgüter, die 1895 zur Gründung des Jüdischen Museums führte. F., der ebenso als Genremaler bekannt war und zwei Wohltätigkeitsstiftungen gründete, erhielt 1883 das Bürgerrecht der Stadt Wien, wurde im selben Jahr mit dem goldenen Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet und 1904 zum Baurat ernannt.

Weitere W. (s. auch Architektenlexikon): Synagoge, 1883 (Wien 6); Synagoge, 1894 (Krems); Warenhaus Der Eisenhof, 1895–96 (Wien 5); Wohn- und Geschäftshaus W. Beck & Söhne, 1896 (Wien 8); Villa Tausky, 1897 (Wien 13); Synagoge, Allgemeines Krankenhaus, 1903 (Wien 9). – Publ.: F. Freiherr v. Schmidt als Mensch, Lehrer und Chef, 1891; Das israelitische Mädchen-Waisenhaus in Wien, 1893; Über Synagogen-Bauten, 1894.
L.: NFP, 20., NWT, 20., 22. 12. 1905; AKL; Czeike (mit Bild); Die Wr. Ringstraße 4, 11; Kosel 1; Lex. böhm. Länder; Thieme-Becker; Der Bautechniker 25, 1905, S. 1116; I. Taglicht, Zwei Denkreden auf den Präsidenten des Tempelvereines für Mariahilf und Neubau M. F., 1906; M. Wehdorn – U. Georgeacopol-Winischhofer, Baudenkmäler der Technik und Industrie in Österreich 1, 1984, S. 102f.; P. Genée, Wiener Synagogen 1825–1938, 1987, S. 63ff.; ders., Synagogen in Österreich, 1992, S. 68f.; R. Hemmerle, in: Mitteilungen des Sudetendeutschen Archivs 121, 1995, S. 7; C. H. Krinsky, Europas Synagogen, 1997, s. Reg.; G. Niessner – P. Schilling, Virtuelle Rekonstruktion dreier Synagogen in Wien von M. F., DA Wien, 2004; B. Martens, in: David 19, Nr. 74, 2007, S. 6ff.; U. Prokop, ebd. 25, Nr. 98, 2013, S. 58ff.; dies., Zum jüdischen Erbe in der Wiener Architektur, 2016, s. Reg.; Architektenlexikon Wien 1770–1945 (mit Bild u. W., Zugriff 15. 3. 2016); ABK, IKG, TU, alle Wien.
(I. Scheidl)   
Zuletzt aktualisiert: 25.11.2016  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 5 (25.11.2016)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 328
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