Diener, Carl (1862–1928), Geologe und Paläontologe

Diener Carl, Geologe und Paläontologe. Geb. Wien, 11. 12. 1862; gest. ebd., 6. 1. 1928; evang. AB. Sohn des Blechwarenfabrikanten Carl Diener (1833–1909) und der Marie Diener, geb. Wechtl (1843–1909), Bruder u. a. der unter ihrem Pseudonym Sir Galahad bekannten Schriftstellerin Bertha Eckstein-Diener (1874–1948); ab 1884 verheiratet mit Maria Diener, geb. Glanz. – Nach dem Gymnasialbesuch studierte D. ab 1879 Geographie, Geologie und Paläontologie an der Universität Wien, u. a. bei →Friedrich Simony, →Melchior Neumayr und →Eduard Sueß; 1883 Dr. phil. sub auspiciis Imperatoris. 1885 absolvierte D. eine Forschungsreise nach Syrien und in den Libanon, aus der seine erste umfangreiche Publikation „Libanon. Grundlagen der physischen Geographie und Geologie von Mittelsyrien“ (1886) resultierte, die die Basis für seine Habilitation bildete. 1886 folgten weitere Studien in der Auvergne, den Pyrenäen und in Graubünden. Im selben Jahr habilitierte sich D. für Geographie an der Universität Wien. 1891 bereiste er die Rocky Mountains und den Grand Canyon, 1893 Spitzbergen. 1893 weitete er seine Habilitation auf Geologie aus; 1897 ao. Professor für Geologie, 1903 ao. Professor sowie 1906 o. Professor für Paläontologie an der Universität Wien. Ab 1903 leitete er das Paläontologische Institut, 1905 wurde er definitiv zum Vorstand ernannt; 1919/20 Dekan der philosophischen Fakultät, 1922/23 Rektor der Universität Wien. Als Rektor nahm D. eine antisemitische, deutschnationale Haltung ein und forderte den Numerus clausus für jüdische Studierende und Lehrende. Zu D.s frühen Arbeiten zählt die stratigraphische, faunistische und geologische Erforschung der Alpen sowie asiatischer Hochgebirge. 1891 erschien die Publikation „Der Gebirgsbau der Westalpen“, 1903 veröffentlichte er die umfangreiche Monographie „Bau und Bild Österreichs“, zugleich seine letzte geologisch-tektonische Arbeit. Ab 1903 galt sein Interesse der Paläontologie, insbesondere den Ammoniten als Leitfossilien. Bereits 1892 hatte er im Auftrag der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien an einer Expedition in das Himalayagebiet teilgenommen. Die Ergebnisse dieser Forschungen erschienen ab 1895 unter dem Titel „Himálayan Fossils“ in mehreren Bänden der Reihe „Palaeontologia Indica“. Die heute international definierte chronostratigraphische Stufe des Anisiums aus dem Jahr 1895 geht ebenfalls auf ihn und →Wilhelm Heinrich Waagen zurück. Weitere Forschungen umfassten die „Grundzüge der Biostratigraphie“ (1925), worin D. die Einflussnahme der Paläontologie auf die Historische Geologie darstellte, sowie die Cephalopodenfauna der Hallstätter Kalke. Ebenso galt er als Spezialist der Perm- und Triasformation. 1915 verfasste D. für den von Fritz Frech edierten „Fossilium Catalogus“ den Band über die wirbellosen Tiere der Triasformation und übernahm zudem ab 1920 die Herausgeberschaft des Werks. Ab 1883 Mitglied, ab 1893 korrespondierendes Mitglied der Geographischen Gesellschaft in Wien, zählte er 1907 zu den Gründungsmitgliedern der Geologischen Gesellschaft in Wien (1910–11 Präsident). 1909 wurde er zum korrespondierenden, 1914 zum wirklichen Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt. Darüber hinaus war er Mitglied zahlreicher internationaler Gesellschaften wie der Sociedad Científica Antonio Alzate in Mexiko oder der Academy of Natural Sciences in Philadelphia. Als begeisterter Alpinist, der zahlreiche Bergtouren und Erstbesteigungen u. a. mit den Medizinern und Bergsteigern Otto und Emil Zsigmondy, mit →Ludwig Purtscheller und →August Edler von Böhm-Böhmersheim unternahm, fungierte er 1888–93 als Präsident des Österreichischen Alpenklubs.

Weitere W. (auch s. u. Leitner; Arthaber): Paläontologie und Abstammungslehre, 1910; Das Memorandum der deutschen Studentenschaft, in: RP, 10. 12. 1922; Von Bergen, Sonnen- und Nebelländern. Erlebnisse in europäischen und außereuropäischen Hochgebirgen, 1929.
L.: NFP, RP, 8. 1. 1928; Der Standard, 12. 6. 2012; Almanach Wien 78, 1928, S. 178ff. (mit Bild); NDB; M. Leitner, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 71, 1928, S. 93ff. (mit W.); O. Ampferer, in: Verhandlungen der Geologischen Bundesanstalt, 1928, S. 89ff.; G. Arthaber, in: Mitteilungen der Geologischen Gesellschaft in Wien 21, 1928, S. 1ff. (mit Bild und W.); A. Kieslinger, ebd. 55, 1962, S. 233ff.; B. Hubmann – J. Seidl, in: Erkunden, Sammeln, Notieren und Vermitteln – Wissenschaft im Gepäck von Handelsleuten, Diplomaten und Missionaren, ed. I. Kästner u. a., 2014, S. 407ff.; M. Krenn, in: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt 155, 2015, S. 265ff. (mit Bild); Geologische Bundesanstalt, UA (mit Bild), beide Wien.
(W. Kainrath)   
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 184
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