Förster, (Christian Friedrich) Ludwig Ritter von (1797–1863), Architekt, Hochschullehrer, Verleger, Publizist und Unternehmer

Förster (Christian Friedrich) Ludwig Ritter von, Architekt, Hochschullehrer, Verleger, Publizist und Unternehmer. Geb. Bayreuth, Preußen (D), 8. 10. 1797; gest. Gleichenberg (Bad Gleichenberg, Steiermark), 16. 6. 1863 (begraben: Matzleinsdorfer Friedhof, Wien); evang. AB. Sohn des königlich preußischen Oberförsters Johann Förster (geb. Unterschwaningen, Brandenburg-Ansbach/D, 23. 5. 1761; gest. ebd., Bayern / D, 15. 4. 1809) und dessen Frau Margaretha (Margarthe) Friederika, geb. Böhner (geb. Weidenberg, Brandenburg-Bayreuth/D, 8. 11. 1773; gest. Bayreuth, Bayern, 4. 3. 1847), Vater von →Heinrich Ritter von Förster, →Friedrich Ritter von Förster, des Architekten Emil Ritter von Förster (geb. Wien, 18. 10. 1838; gest. ebd., 14. 2. 1909), des Verlegers Moritz Ritter von Förster (geb. Wien, 18. 2. 1841; gest. Frohnleiten, Steiermark, 16. 9. 1882) und von Sophie Förster (geb. Wien, 24. 11. 1830; gest. ebd., 28. 7. 1851), der Ehefrau von →Theophil Freiherr von Hansen; ab 1830 mit Marie Schmidt (geb. Eisenstadt, Ungarn / Burgenland, 29. 8. 1805; gest. Wien, 19. 1. 1878) verheiratet. – F. besuchte 1813–16 das Gymnasium in Ansbach, 1816–18 studierte er Baukunst bei Carl von Fischer an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Ab April 1818 in Wien ansässig, wirkte er ab Juli als Mitarbeiter im Atelier von →Peter Nobile, im November übernahm er erste Arbeiten als Disegnatore libero für die Architekturschule der Akademie, wo er 1820 provisorisch, 1823 definitiv eine Anstellung als Korrektor bis 1826 innehatte; 1825–26 verfasste er sein erstes Werk, „Ideen zur äußeren Verzierung von Gebäuden“. 1826–28 fungierte er als alleiniger Geschäftsführer der Druckerei Mansfeld & Comp., 1828–35 als Alleininhaber. In diesem Unternehmen publizierte F. u. a. 1826–33 eine der künstlerisch renommiertesten lithographischen Sammlungen, die „Lithographirten Copien von Original Handzeichnungen berühmter alter Meister …“, ein essenzieller Beitrag zur Reproduktionskunst. Im Herbst 1834 gründete er den reproduktionstechnischen Betrieb Ludwig Förster’s Artistische Anstalt, in den die Druckerei Mansfeld & Co. integriert wurde, 1836 die „Allgemeine Bauzeitung“ (ABZ), das wichtigste Organ der Architekturpublizistik, das bis 1918 existierte. Darüber hinaus wirkte er auch im metallurgischen Bereich: 1829–31 als Direktor einer Eisengussfabrik in St. Stefan ob Leoben, 1839 errichtete er zusammen mit dem Berliner Moritz Geiß eine Zinkgussfabrik in Wien, die 1849 stillgelegt wurde, 1840–46 besaß er in Merklin eine Zinkgrube. 1842–45 kehrte F. auf ausdrücklichen Wunsch seines Mentors Nobile als Professor für höhere Baukunst an die Akademie zurück. Städteplanerisch engagierte sich F. im Wiener Gemeinderat, 1848–51 im Gemeindeausschuss und 1861–63 in der Bausektion des Wiener Gemeinderats. Diese stetige Beschäftigung mit Stadterweiterungsprojekten gipfelte in seinem 1858 preisgekrönten Konkurrenzprojekt zur Erweiterung der Inneren Stadt, das maßgeblich für die Ausarbeitung des sogenannten Grundplans war. Gleichzeitig verfolgte F. zielstrebig seine Karriere als Architekt. Für den Zeitraum vor 1839 lassen sich jedoch nur kleinere architektonische Arbeiten im Rosenbaumschen Garten und Renovierungsaufträge (Redouta, 1831, Brünn; Cafe Scheiner, Baden) nachweisen. Mit der Errichtung der Zinnerschen Zuckerfabrik (1839) allerdings schuf F. ein viel beachtetes Meisterstück und Pionierwerk des Industriebaus. Auch mit der Winterschwimmhalle des Dianabads (1841–43), in Zusammenarbeit mit →Karl von Etzel entstanden, gelang F. eine architektonische Spitzenleistung durch die Überdachung der Halle mittels Eisenträgerkonstruktion. Ein Schwerpunkt seines vielfältigen architektonischen Schaffens war der private Wohnbau. F. prägte den Typus des Wiener Zinshauses, eine Leistung, die in seiner Publikationsreihe „Der Bau der Wiener Zinshäuser“ in der ABZ (1847–59) journalistischen Niederschlag fand. Nennenswerte Beispiele aus der Anfangszeit sind das Daumsche Haus (1838–40, Wien 1), das Roßsche Haus (1844, Wien 3) und das Ludwig Pereira-Arnsteinsche Haus (1840–42, Wien 1). Besonders hervorzuheben ist das Grafsche Haus (1842–44, Wien 1) wegen des frühen materialsichtigen Einsatzes der von F. und Geiß produzierten Zinkgussteile. Er war stets auf der Suche nach neuen Methoden und Materialien bzw. verwendete vorgefertigtes Dekor, wie etwa Gussmörtel beim Zinshaus Adolph Pereira-Arnstein (1844–46, Wien 1, demoliert), Terrakotten nach dem Geisschen Vorlagewerk beim Zinshaus Ernst (1847–49, Wien 2) und dem Freiherrlich Riegerschen Zinshaus (1847–49, Wien 1) oder Eisengussteile beim Zinshaus Franz Klein (1847–48, Brünn). Mit dem 1843 errichteten Haus Mantelli-Bretschneider führte er nach französischen Vorbildern in Wien den Typus der Passage ein. Moderne Formen des romantischen Historismus verwendete er bei der Villa Pereira (gemeinsam mit Hansen, Altenberg, 1846–49). Die Errichtung des evangelischen Bethauses (1844–49, Wien 6) war einer seiner ersten öffentlichen Aufträge. Ab 1846 war Hansen sein Mitarbeiter, ab 1849 sein Partner. Am Arsenalbau beteiligte sich das Team mit der Errichtung des Waffenmuseums, der Gewehrfabrik und der Schießstätte, wobei es während der Bauzeit zu Unstimmigkeiten kam und sich die Ateliergemeinschaft 1852 auflöste. Hansen vollendete das Waffenmuseum, F. oblag die Fertigstellung der Schießstätte und der Gewehrfabrik. In den folgenden Jahren errichtete F. die Synagogen in Wien-Leopoldstadt (1853–58), Budapest (1854–59), Miskolc (1856–63) und Bisenz (1859–60). Seit der Jahrhundertmitte hatte sich der von F. propagierte Materialbau in Wien durchsetzen können, ein frühes Beispiel hierfür ist das Landhaus Breda (1851–53, Wien-Mauer), dessen Außenbau gänzlich auf Putz verzichtet. An der Ringstraße (Opernring/Kärntnerstraße) entstanden seine letzten Bauten, die teilweise von seinen Söhnen Heinrich Förster (Palais Todesco, 1861–64) und Emil Förster (Palais Klein, 1861, Palais Hoyos 1861–63) vollendet wurden. 1856 wurde er mit dem goldenen Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet. Kurz vor seinem Tod erfolgte F.s Erhebung in den erblichen Ritterstand. Seine Pionierleistungen und vielfältigen, innovativen Interessen machten ihn zu einem bedeutsamen Akteur der Wiener Ringstraßenzeit und zu einer der Leitfiguren gründerzeitlicher Aufbruchsstimmung.

Weitere W. (s. auch Lacina; Architektenlexikon): Palais Herring-Frankensdorf, 1843–44 (Brünn); Palais Skene, 1846–47 (Brünn); Palais Rothschild, 1847 (Wien 1); Hotel National, 1847–48 (Wien 2, mit Hansen); Casino im Augarten, 1855 (Brünn); Stadterweiterungsprojekte, 1860 (Brünn); Gustav-Mahler-Hof, 1861–62 (Wien 1); Realschule, 1862 (Troppau).
L.: ADB; AKL; Czeike; Die Wr. Ringstraße 1–4, 8/4, 11; Thieme–Becker; Wurzbach; Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz 4, 1863, S. 182f.; W. Wagner, Die Geschichte der Akademie der bildenden Künste in Wien, 1967, s. Reg.; R. E. Lacina, Werkdokumentation Ch. F. L. Ritter von F., 1797–1863, 1985 (mit W.); K. Schoeller, in: Th. Hansen – ein Resümee, ed. B. Bastl u. a., 2014, S. 255ff.; K. Schoeller, in: Vom Werden der Wiener Ringstraße, ed. H. R. Stühlinger, 2015, S. 96ff.; K. Schoeller, L. F. (1797–1863). Der Architekt als Pädagoge und Universalunternehmer, phil. Diss. Wien, 2016; Architektenlexikon Wien 1770–1945 (mit Bild und W., nur online, Zugriff 26. 1. 2017); ABK, Wien.
(K. Schoeller)   
Zuletzt aktualisiert: 27.11.2017  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 6 (27.11.2017)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 333
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