Mautner, Stephan (Stefan) (1877–1945), Industrieller und Schriftsteller

Mautner Stephan (Stefan), Industrieller und Schriftsteller. Geb. Wien, 12. 2. 1877; gest. vermutlich KZ Auschwitz, Deutsches Reich (PL), Juli 1944 (per 8. 5. 1945 Todeserklärung); mos. Enkel von →Isaac Mautner, Sohn von →Isidor Mautner und Jenny Mautner, Bruder von →Konrad Mautner, Schwager von →Paul Kalbeck, Vater von Andreas (Andrew) Mautner (geb. Wien, 12. 10. 1901; gest. Millburn, NJ, USA, 20. 4. 1980), Elisabeth (Elizabeth) Mautner (geb. Wien, 4. 11. 1903; gest. New York, NY, USA, 4. 6. 1993), Franziska Mautner (geb. Wien, 21. 10. 1910; gest. ebd, 4. 11. 1924) und Karl Friedrich Mautner (geb. Wien, 1. 2. 1915; gest. Washington D.C., USA, 1. 4. 2002); ab 1900 mit Else Mautner, geb. Eissler (geb. Wien, 7. 9. 1877; gest. 1944), der Tochter des Forstindustriellen Moriz B. Eissler, Gesellschafter der Firmen J. Eissler & Brüder und Bosnische Forstindustrie (geb. Wien, 20. 6. 1845; gest. ebd., 26. 7. 1919), und seiner Frau Jenny, verheiratet. – M. genoss – teilweise gemeinsam mit seinen Geschwistern – eine fundierte künstlerische Ausbildung bei →Josef Breitner, →Ferdinand Schmutzer und →Hugo Charlemont. Zugleich wurde er von seinem Vater auf seine Rolle als Unternehmensnachfolger vorbereitet. Nach der Matura am Schottengymnasium 1895 besuchte er eine Webereischule, absolvierte nach dem Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger 1897–98 einen Handelskurs und anschließend ein Praktikum in der zur Firma Isaac Mautner & Sohn gehörenden mechanischen Baumwollweberei Schumburg an der Desse in Nordböhmen. 1899 trat er im Auftrag des Handels-Ministeriums eine Studienreise nach Ostasien an („Bericht über eine kaufmännische Studienreise nach Ostasien“, 1899). 1901 folgte er seinem Großvater als persönlich haftender Gesellschafter der Firma Isaac Mautner & Sohn nach. Nach der Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft Anfang 1906 stieg M. bis 1916 zu deren Vizepräsident auf und war in allen Unternehmen seines Vaters im Verwaltungsrat vertreten. In den 1915 mit Sitz in Plauen gegründeten Deutschen Textilwerken Mautner AG besetzte M. einen der drei Vorstandsposten. 1917 wurde er Geschäftsführer der Eisenwerke Sandau und der Pölser Papierfabrik. Daneben war er in mehreren Ehrenämtern vertreten: ab 1912 Mitglied der Einkommensteuerschätzungskommission, ab 1913 Mitglied des Schiedsgerichts der Warenbranche und ab 1916 Vorstandsmitglied des Verbands der österreichischen Baumwollspinner. 1921 wurde M. Präsident der in eine AG umgewandelten Neuen Wiener Bankgesellschaft, deren Hauptaktionär sein Vater war. Als in der Wiener Bankenkrise 1924 die Insolvenz drohte, versuchte sein Vater vergeblich, die Bank durch Verpfändung seines Immobilienbesitzes bei der Nationalbank zu retten. Im Oktober 1926 musste M. die Beendigung des Bankbetriebs verkünden. Finanziell ruiniert, trat Isidor Mautner 1928 von fast allen Leitungspositionen zurück. M. beteiligte sich in der Folge als vielfacher Verwaltungsrat an der Restrukturierung bzw. Abwicklung des hoch verschuldeten Konzerns. Nach dem Tod seines Vaters zog er sich 1930 von all seinen Funktionen zurück und widmete sich der Jagd sowie der Malerei. M. besaß ein großes Jagdrevier mit einem Jagdhaus in Trattenbach am Wechsel. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland im März 1938 wurde er seines gesamten Vermögens mitsamt aller Immobilien und seiner wertvollen Bildersammlung beraubt. Ende 1938 emigrierte M. mit seiner Frau nach Ungarn, wo sie im Juli 1944 von einem Budapester Sammellager aus vermutlich in das KZ Auschwitz verschleppt und ermordet wurden. 1947 wurden sie für tot erklärt.

Weitere W.: Trattenbach, 1918 (Privatdruck sowie Kleinaufl. als Das Haus auf der Dürr); 63 Federzeichnungen in: V. Sanguessa, Abenteuer eines Steppenpferdes, 1922; Farbige Stunden, 2 Bde., 1921–27; Jagd in Österreich, in: Moderne Welt. Almanach der Dame 14, 1933, H. 6.
L.: RP, 6. 6. 1924; NFP, 8. 3. 1930; Bolbecher–Kaiser; R. J. B. Kinnen, Die Entwicklung der Banken in Österreich von 1919 bis 1929, wirtschaftswiss. DA Wien, 1979, passim; S. Lillie, Was einmal war, 2003, S. 749ff. (mit Bild); R. Müller, Marienthal: das Dorf – die Arbeitslosen – die Studie, 2008, S. 148ff.; G. Gaugusch, Wer einmal war A-K, 2011, S. 517f.; W. Hafer, Die anderen Mautners, 2014, s. Reg.; IKG, Wien; Website Die Arbeitslosen von Marienthal (Zugriff 3. 3. 2015).
(W. Hafer)  
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 6 (Lfg. 27, 1974), S. 165
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Medien
Familie M. in Gössl im Ausseerland, 1900; v. l.: Marie, Stephan, Isidor, Jenny, Konrad und Käthy M.
Baumwollspinnerei in Plauen um 1915